Was zeichnet eine offene Gesellschaft aus?

„Die Attentate haben gezeigt, wie verwundbar die offene Gesellschaft ist, haben aber auch bewirkt, dass wir uns neu besinnen.“ (Bundespräsident Joachim Gauck nach den Anschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo.)

„Und deswegen müssen wir sagen, wir werden diese offene Gesellschaft verteidigen gegen die Terroristen.“ (Thomas Oppermann, Fraktionschef der SPD-Bundestagsfraktion über islamistischen Terror.)

„Heute können wir zeigen, dass eine wohlhabende Gesellschaft  versucht zu helfen, wo sie helfen kann. Und dass wir gemeinsam unsere offene Gesellschaft verteidigen, der wir alle miteinander so viel zu verdanken haben.“ (Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, zur Flüchtlingskrise.)

Mit diesen Zitaten leitet Ingeborg Breuer ihren Beitrag Die Renaissance der „offenen Gesellschaft“ – Bewährungsprobe durch Terror und Flucht ein (Deutschlandfunk 17.12.2015).

Wer oder was ist die Gesellschaft?

In der Soziologie und den anthropologischen Wissenschaften meint man laut Wikipedia damit

eine durch unterschiedliche Merkmale zusammengefasste und abgegrenzte Anzahl von Personen, die als sozial Handelnde (Akteure) miteinander verknüpft leben und direkt oder indirekt sozial interagieren. Gesellschaft bezieht sich sowohl auf die Menschheit als ganze (gegenüber Tieren und Pflanzen), als auch auf bestimmte Gruppen von Menschen, beispielsweise auf ein Volk oder eine Ethnie.

Der Begriff ‚offene Gesellschaft‘ geht auf Karl Popper zurück, der ihn in seinem Werk ‚Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘, erschienen 1945, prägte. Die offene Gesellschaft steht demgemäß  sowohl der Laissez-Faire-Gesellschaft als auch der totalitären gegenüber und ist eng mit der Staatsform der Demokratie verbunden. Popper sieht als ihr Ziel ‚die kritischen Fähigkeiten des Menschen‘ freizusetzen. (Wikipedia)

Popper in einem Interview von 1974: „All den großen Propheten zu misstrauen, die eine Patentlösung in der Tasche haben und sagen: Wenn ihr mir nur volle Gewalt gebt, dann werd ich euch in den Himmel führen. Die Antwort darauf ist, wir geben niemandem volle Gewalt über uns, wir wollen, dass die Gewalt auf ein Minimum reduziert wird.“  …. Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziere stets die Hölle, so Popper. Und die offene Gesellschaft hat erkannt, dass dieser „Traum vom Himmel sich auf Erden nicht verwirklichen“ lässt.  … Weil sie keinen Heilsplan hat, gehört das Experimentieren zur offenen Gesellschaft hinzu. Die Entwicklung, die sie nimmt, führt nach Popper „ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Unsichere“. Und deshalb gehöre zu ihre eine ungemeine Innovationsbereitschaft und Kreativität.  … „Die offene Gesellschaft ist nicht nur eine ungemein kreativitätsermöglichende, sondern sogar kreativitätsbedürftige Gesellschaft. Sie ist deswegen notorisch innovativ und häutet sich permanent. Die offene Gesellschaft muss immer kreativer sein, weil sie bestimmte Nachteile an Sinnvorgaben in Kauf nimmt. Sie hat auf diese Weise eine sehr hohe Flexibilität. Dem stehen geschlossene Gesellschaften gegenüber, die infolge dieser Geschlossenheit nicht die Innovativität aufbringen, die eigentlich im Prozess der Modernisierung permanent zurückfallen.“  … Das andere, das Fremde gehört deshalb zu den offenen Gesellschaften hinzu. Es ist ihr Lebenselixier, weil es der Anstoß für sie ist, sich immer wieder neu zu erfinden und nicht in Behäbigkeit zu erstarren. (Deutschlandfunk 17.12.2015)

Professor Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin, hält den Umgang mit den nach Europa kommenden Flüchtlingen für eine Bewährungsprobe für die offene Gesellschaft.

Würde sie ihre Grenzen schließen, wäre das eine zivilisatorische Unreife, … Das Fremde als Chance zu verstehen und es in das Eigene zu integrieren, gehört zum Selbstverständnis der offenen Gesellschaft.  … Daraus folgt für Herfried Münkler eine klare politische Konsequenz: Ohne offene Türen keine offene Gesellschaft.

„Die offene Gesellschaft kennt keine Obergrenze. Sobald sie eine Obergrenze hat, ist sie ja eine gedeckelte Gesellschaft. Gewissermaßen geschlossen light.“ (Deutschlandfunk 17.12.2015)

Quellen und links

Die Renaissance der „offenen Gesellschaft“ Deutschlandfunk 17.12.2015

Begriffe:
Wikipedia (Gesellsch./soziologisch)

Wikipedia (offene Gesellsch.)

Sir Karl Popper – Wikipedia

Die Lesenden

Laura hat Hunger

Mit der linken Hand wischt Laura die Scheibe frei. Das Winken ihrer Mutter sieht sie schon lange nicht mehr. An ihr ziehen fremde Landschaften vorbei. Sie hat Hunger. Wie fast immer. Im Zug ist es laut. Manche Kinder weinen. Sie weint nicht, sie ist ja schon 14. Ihre große Schwester weint auch nicht.  Irgendwann schläft Laura ein. In der Nacht wird sie geweckt. Sie müssen auf ein Schiff.  „Gleich sind wir in Schweden“, flüstert ihre Schwester. Dort hat angeblich niemand Hunger. Deshalb dürfen Kinder aus Wien dorthin. An den Namensschildern aus Pappe, die sie um den Hals tragen, werden Laura und ihre Schwester von jenem schwedischen Ehepaar erkannt, bei dem sie nun wohnen werden.

Wir schreiben das Jahr 1920. In Wien herrschen Hungersnöte. Laura und ihre um 1 Jahr ältere Schwester können einige Monate in Schweden leben, in die Schule gehen und sich satt essen.

24 Jahre später. Wieder sitzt Laura in einem überfüllten Zug. Mit ihr sind ihre 5 Kinder – 2 Söhne, 3 Töchter, die kleinste ist 6 Monate alt. Von ihrem Mann gibt es seit Monaten keine Nachricht. Sie hat Hunger. Wie fast immer. Im Zug sind viele Frauen und noch viel mehr Kinder. Sie werden von Wien weggebracht, um den Bomben zu entkommen. Ihr aller Ziel: Bayern. Wenn der Zug in den Stationen hält, geht sie mit den anderen Frauen zur Lokomotive. Dort gibt es heißes Wasser für das Baby. In Bayern kommen sie in ein Lager. In dem riesigen Raum mit den vielen Menschen fürchten sich die Mädchen sehr. Die 3-Jährige fürchtet sich außerdem vor der großen Grube, in der alle ihre Notdurft verrichten.

Angst, Hunger, 5 kleine Kinder, Hoffnung, Überlebenswillen, Fleiß und geschickte Hände hat Laura im Reisegepäck. Sonst nichts. Nach Tagen, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, werden sie und die Kinder weggebracht. Sie kommt mit der 3-Jährigen und dem Baby auf einen Bauernhof, auf dem ihr Fleiß in den nächsten Monaten sehr gefragt ist. Die Söhne und die 5-Jährige leben jeweils bei anderen Familien. Sie sieht sie wochenlang nicht.

Fast ein Jahr später, als der Krieg zu Ende ist, kann Laura mit allen Kindern zurück nach Wien. Ihr Haus ist nicht von Bomben zerstört. Die Bombentrichter ganz in der Nähe des Hauses werden den Kindern zu makabren Spielplätzen.

Laura wieder zu Hause

Ihrem 6. Kind schenkt Laura in Friedenszeit das Licht der Welt. Noch viele Jahre lang darf sich die Familie über fallweise Geschenkpakete aus Schweden freuen.

Aus dem Baby, das bereits im Alter von ½ Jahr auf der Flucht vor Bomben war, wird 21 Jahre danach meine Mutter.

Nachwort

Das ist eine persönliche Geschichte, die auf den Erlebnissen meiner Großmutter mütterlicherseits, Laura M. (1906 – 1975), beruht. Ihre Töchter teilten die Erinnerung an ihre Erzählungen mit mir. Meine Phantasie ergänzte, wo Details fehlten.

Laura verbrachte nach dem 1. Weltkrieg als Volksschülerin 2 Mal (einmal mit der großen Schwester, einmal alleine) mehrere Monate bei einer hilfsbereiten Gastfamilie in Südschweden, um dem Elend und den Hungersnöten in Wien zu entkommen. Gegen Ende des 2. Weltkrieges musste sie mit damals 5 Kindern Wien verlassen, weil die Zahl der Bomben auf ein strategisch wichtiges Produktionswerk in ihrem Heimatbezirk zunahm und die Gefahr für die Bevölkerung groß war.

Lauras Schulzeugnis aus Sunne, 1920
Lauras Schulzeugnis aus Sunne/Schweden

 

 

Wie geht es der Ukraine?

Für kurze Zeit war sie sehr präsent in unseren Medien. Aktuell erlebt sie ihr Schicksal im Schatten anderer Ereignisse. Die Ukraine.

Wie geht es dem Land, das – nomen  est omen (ukraina heißt Grenze) – als Grenzland zwischen Ost und West wahrgenommen wird? Was ist aus der ‚im Westen‘ so intensiv wie hoffnungsvoll beobachteten und kommentierten Maidan-Bewegung vor genau 2 Jahren geworden? Kann sich aus der ‚Grenze‘ eine ‚Brücke‘ entwickeln, wie dies angesichts der Maidan-Revolution als denkbare Rolle für die Ukraine diskutiert wurde?  Was ist im umkämpften Gebiet an der Ostgrenze um Donezk und Luhansk los? Und wie wird es auf und mit der Halbinsel Krim weitergehen, deren Annexion durch Russland einen tiefen Riss in die Beziehungen zwischen Nato und Russland nach sich gezogen hat.

Die Stuttgarter Nachrichten (Ulrich Krökel) schreiben am  5. Dezember 2015 unter dem wenig hoffnungsfroh stimmenden Titel

Krise ohne Ende in der Ukraine

Im Dezember 2013 begehrte das Volk gegen das korrupte Janukowitsch-Regime auf – doch das Land steckt noch immer in einem Sumpf aus Korruption und Oligarchie. Und von einer friedlichen Lösung des Konfliktes in den östlichen Regionen ist es weit entfernt.

Im Herzen von Kiew, nicht weit vom berühmten Unabhängigkeitsplatz Maidan entfernt, gibt es ein himmlisches Refugium inmitten der Millionenmetropole. Befestigte Pfade schlängeln sich über Rasenflächen, auf denen junge Bäume und Sträucher wachsen. Im Sommer, wenn alles grün ist, treffen sich hier Kulturfreunde und Familien zum Freilufttheater, zu Lesungen oder zum Picknick. Es geht beschwingt zu.

Über den paradiesischen Platz wachen stets die dunklen, traurigen Augen von ­Serhij Nigojan, die von einem übergroßen Mauerporträt auf die friedliche Szenerie ­herabblicken. Das Motiv auf der Hauswand erinnert nicht zufällig an ein Christusbild. Serhij Nigojan gilt in der Hauptstadt als Märtyrer. Er war das erste Todesopfer der Euromaidan-Revolution, die vor zwei Jahren nicht nur die Ukraine, sondern den ­Kontinent und die Welt in Atem hielt.

Anfang Dezember 2013 strömten bis zu einer Million Menschen auf den Unabhängigkeitsplatz, um gegen das autoritäre Regime von Präsident Viktor Janukowitsch, gegen Korruption und Oligarchie und für eine Annäherung an die EU zu demonstrieren. Über Weihnachten harrten die Revolutionäre in einer Zeltstadt auf dem Maidan aus, bevor die Lage im neuen Jahr eskalierte.

„Vier Schüsse in Kopf und Hals haben Serhij getötet“, berichtete später der oppositionelle Arzt Oleg Mussi über den Tod Nigojans, der nur 20 Jahre alt wurde. Bis heute ist ungeklärt, wer die Scharfschützen waren, die friedliche Demonstranten ins Visier nahmen. Schossen Spezialpolizisten des Regimes, gegen das „der Maidan“ mobil machte? Feuerten russische Agenten? Oder waren Aufwiegler aus den Reihen der Revolutionäre am Werk, die den gewaltsamen Kampf gegen die Regierenden herbeisehnten und die eigenen Leute martialisch provozieren wollten?

100 Menschen starben im Kugelhagel

Jedenfalls starben im Kugelhagel rund 100 Menschen. In der Terminologie der Maidan-Revolutionäre, die sich damals in Hundertschaften organisiert hatten, werden die Toten bis heute als die „himmlische Hundertschaft“ bezeichnet. In Anlehnung an diesen Begriff wird das paradiesische kleine Areal, über das die Christus-Augen von ­Serhij Nigojan wachen, als der Himmlische-Hundertschaft-Platz bezeichnet. Doch ausgerechnet jetzt, im zweiten nachrevolutionären Winter, droht den Erben des Euro­maidan die endgültige Vertreibung aus dem Paradies.

Die Geschichte des Platzes, über die zunächst die Anti-Korruptions-Initiative „Naschi Groschi“ (NG/Unser Geld) berichtete, kann als typisch für die Lage in der Ukraine gelten. Zwei Jahre nach den Maidan-Protesten haben sich alte und neue Seilschaften zu einem engmaschigen, schwer durchschaubaren und erst recht nicht entwirrbaren Netz verbunden, das sich über das Land legt wie Mehltau und den Aufbruch zu ersticken droht. Anders formuliert: Der Kapitalismus ukrainischer Prägung frisst die Kinder der prowestlichen Revolution. Das Grundstück des Himmlischen-Hundertschafts-Platzes gehört seit 2007 der Immobilienfirma Green Plaza. Deren wichtigste Eigentümer sind nach NG-Recherchen auf den britischen Virgin-Islands registriert, in einer Steueroase. Auch Verwandte des früheren Kiewer Bürgermeisters Leonid Tschernowetzki sollen mit im Boot sein.

Die Platz-Aktivisten sind fest davon überzeugt, dass die Stadt Kiew das Areal unter dubiosen Umständen verkauft hat. Dafür spricht viel, angesichts des Sumpfes aus Oligarchie und Korruption, der sich damals in der Ukraine ausgebreitet hatte. Jahrelang ließ Green Plaza das Grundstück brachliegen, bis die Maidan-Revolutionäre den Platz 2014 „kaperten“ und in einen urbanen Garten Eden verwandelten. Nun aber, acht Jahre nach dem Kauf, möchte die Immobilien­firma dort einen Hotel- und Bürokomplex errichten. Versuche der Stadt, den aufgewerteten Platz zurückzukaufen, scheiterten.

Ukraine kommt in der Korruptionsbekämpfung nicht voran

In diesen Dezembertagen trifft man sich vor Gericht. Der kürzlich wiedergewählte Bürgermeister Vitali Klitschko, der 2013 selbst auf dem Maidan mitmischte, hatte seinen Anhängern die Klage im Wahlkampf versprochen. Doch die Erfolgsaussichten sind gering – nicht zuletzt, weil es die neuen prowestlichen Herrscher um Präsident Petro Poroschenko versäumt haben, der Oligarchie und der Korruption in Kiew und der gesamten Ukraine den Garaus zu machen und auf diese Weise zwielichtigen Unternehmen die Geschäftsgrundlage zu entziehen.

Überraschen kann das kaum: Der „Schokoladen-König“ Poroschenko, zu dessen Unterstützern auch Klitschko zählt, gelangte einst selbst als Süßwaren-Oligarch zu einem Milliardenvermögen. In den einschlägigen Korruptionsindizes verharrt die Ukraine auf einem Platz im hinteren Viertel, im Umfeld von Staaten wie Papua Neuguinea, Uganda und Tadschikistan.

„Niemand sollte von uns Wunder erwarten“, wiederholt Poroschenko gebetsmühlenartig und verweist zur Rechtfertigung auf die prekäre außenpolitische Lage des Landes, das sich noch immer am Rand eines Kriegs mit Russland bewegt. Kremlchef Wladimir Putin wolle nicht nur die Ukraine, sondern „die ganze Welt destabilisieren“, tönt Poroschenko. Tatsächlich ist die Ukraine weit von einer friedlichen Lösung des Konfliktes in ihren östlichen Regionen entfernt. Die EU bereitet nicht von ungefähr eine Verlängerung der Sanktionen gegen Moskau vor. „Der Minsker Friedensplan ist noch nicht vollständig umgesetzt“, heißt es in Brüssel.

Schlimmer ist: Eine erneute militärische Eskalation ist keineswegs ausgeschlossen. Die prorussischen Separatisten im Osten drohen weiterhin damit, in den abtrünnigen Regionen Donezk und Luhansk Wahlen abzuhalten und sich von der Ukraine abzuspalten. Das wäre das Ende des Minsker Friedensprozesses, der immerhin zu einer Waffenruhe geführt hat, die seit September hält. Aber wie lange noch?

Im Osten herrscht weiter Kriegsgefahr

Wie groß die Explosionsgefahr weiterhin ist, zeigen die jüngsten Vorgänge rund um die Krim, die Russland im Gefolge der Maidan-Revolution annektiert hat. Ende November sprengten antirussische Aktivisten, mutmaßlich Krimtataren und ukrainische Nationalisten, mehrere Strommasten. Die Halbinsel lag daraufhin tagelang im Dunkeln. Krankenhäuser mussten mit Notstromaggregaten versorgt werden. Die Regierung rief den Ausnahmezustand aus.

Letzte Woche schließlich reiste der russische Präsident auf die Krim und kündigte an, eine Energiebrücke zum russischen Festland bauen zu lassen. Für manche Beobachter im Westen ist es ein gutes Zeichen, dass der Kremlchef die Eskalation nicht seinerseits vorantrieb. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forciert angesichts der Syrien-Krise nun sogar einen neuen Dialog zwischen der Nato und Russland. Der Gesprächsfaden war nach der Krim-Annexion gekappt worden.

Experten wie der Berliner Osteuropa-Experte Stefan Meister warnen allerdings seit Monaten davor, dass Putin in der Ukraine „ein Spiel mit dem Westen treibt“. Er ist sich sicher, dass der Kreml „die Wunden im Land offen halten wird“.

Umgekehrt spielt die schwierige außenpolitische Gemengelage Poroschenko und den mächtigen ukrainischen Wirtschaftsbossen in die Hände, die ihre Macht unter Hinweis auf die fortdauernde Bedrohung von außen zu sichern versuchen.

Der Parlamentsabgeordnete und frühere Investigativjournalist Serhij Leschtschenko, der sich 2014 der Poroschenko-Partei anschloss und den Präsidenten selbst für untadelig hält, gibt sich keinen Illusionen hin. „Wir leben immer noch in einer Oligarchie“, sagt er. Im Frühjahr hatte er Morddrohungen erhalten, nachdem er sich öffentlich mit den mächtigsten Männern des zwielichtigen Systems angelegt hatte.

Leschtschenko gehörte im Winter 2013/14 zu den Maidan-Aktivisten, die in vorderster Front kämpften – allerdings erfolglos, wie die Gegenwart zeigt.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten 5. Dez. 2015

Fotos aus der Ukraine

An der Grenze im Land Grenze (Westen der Ukraine, Grenzgebiet zur Slowakei)
An der Grenze im Land ‚Grenze‘ (Westen der Ukraine, Grenzgebiet zur Slowakei), 2012
Lviv / Lwow/ Lemberg - Blick auf die Stadt vom Rathausturm, 2012
Lviv / Lwow/ Lemberg – auch Wien des Ostens genannt – Blick auf die Stadt vom Rathausturm, 2012

 

 

Link

über die Ukraine: Wikipedia

Kohle für alle? – eine Diskussion über bedingungsloses Grundeinkommen im ORF RadioKulturhaus

24. November 2015, RadioKulturhaus in Wien. Ca. 130 Personen sind im Auditorium. Johannes Kaup fragt sie, wer auch dann arbeiten würde, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe. Nur 6 Personen würden dann nicht arbeiten.

Das Gros der Gäste gibt an, selbst dann arbeiten zu wollen, wenn sie sehen, dass andere nicht arbeiten.

Diese nicht repräsentative Umfrage ist der Einstieg in die Podiumsdiskussion

Kohle für alle? – Bedingungsloses Grundeinkommen

Pro und Kontra – Johannes Kaup im Gespräch mit Daniel Häni, Philip Kovce und Ulrich Schuh.

Die Diskussion wurde aufgenommen und ist – gekürzt – am 14.12.2015 um 16 Uhr im Radio Ö1 zu hören.
Hier die Ankündigung  des Radiosenders Ö1 auf oe1.orf.at:

1-sicht empfiehlt Lese-, Hör-, Sehstoff – Dezember 2015

Weniger wird mehr

Atlas der Globalisierung 2015 ‚Weniger wird mehr‘
von Le Monde diplomatique:

Aus dem Inhalt:

„Kapitalistische Gesellschaften sind Wachstumsgesellschaften,
ihre relative Stabilität erhalten sie durch permanente Bewegung.
Damit alles bleibt, wie es ist, oder zumindest nicht schlechter
wird, müssen sie wachsen – wer stillsteht, fällt zurück. Aber was
genau wächst hier eigentlich? … „

 

Atlas der Globalisierung (2015)

Le Monde diplomatique: LMD

Krieg gegen den Terror – zweiter Versuch, neuer Schauplatz.

„Ende März 2009 kündigte US-Außenministerin Hillary Clinton an, dass die US-Regierung den Begriff nicht mehr verwenden werde.“ hält Wikipedia fest. Nun erlebt ‚Krieg gegen den Terror‘ in Europa eine Renaissance.

US-Präsident George W. Bush sprach am 20. September 2001 vor dem Kongress:

„Unser Krieg gegen den Terror beginnt mit Al-Qaida, aber er endet nicht dort. Er wird nicht enden, bis jede terroristische Gruppe von globaler Reichweite gefunden, gestoppt und geschlagen ist.
[…]
Die Amerikaner sollten nicht einen Kampf erwarten, sondern eine langwierige Kampagne, anders als alle, die wir je gesehen haben. Diese könnte dramatische Angriffe einschließen, die im Fernsehen übertragen werden, und versteckte Operationen, die auch bei Erfolg geheim bleiben. Wir werden den Terroristen ihre Geldmittel abschneiden, sie gegeneinander aufbringen, sie von Ort zu Ort treiben, bis es für sie keine Zuflucht oder Ruhe mehr gibt. Und wir werden die Staaten verfolgen, die dem Terrorismus Hilfe zur Verfügung stellen oder ihm einen sicheren Hafen bieten. Jedes Land in jeder Region muss sich jetzt entscheiden – entweder es steht an unserer Seite oder an der Seite der Terroristen.“ (Wikipedia)

In diesen Tagen lesen wir zum Beispiel:

„Strategie gegen IS-Terror: Hollande will sich mit Obama zum Krieg verabreden“ (Spiegel)

Syrien: Nichts gelernt

Der Westen hat aus bisherigen Anti-Terror-Kriegen keine Lehren gezogen. Auch kann von Einigkeit der Anti-Terror-Krieger keine Rede sein. Für Syrien lässt das wenig Gutes erhoffen.

Krieg gegen den Terror – zweiter Versuch, neuer Schauplatz. Als Reaktion auf die Anschläge am 11. September 2001 in New York und Washington sind die Nato-Verbündeten US-Präsident George W. Bush nach Afghanistan gefolgt.

Die Attentate des 13. November 2015 in Paris führen Frankreichs Präsidenten François Hollande und seine europäischen Freunde Richtung Syrien. Der Gegner heißt nicht mehr Al-Kaida, sondern „Islamischer Staat“. Wirklich erfolgreich war der erste Kreuzzug nicht. Haben die Teilnehmer von Kreuzzug Nr. 2 hinreichend Lehren daraus gezogen? Eher nicht.

Das fängt an mit dem reflexartigen Beginn. Die Regierung einer tief verwundeten Nation schreit nach Vergeltung. Handelte es sich nicht um hoch zivilisierte Staaten, wir sprächen von Blutrache. Und die Blutsbrüder, pardon: die politischen Verbündeten sitzen in der Falle. Sie müssen Paris zu Willen sein, obwohl die afghanische Erfahrung zur Vorsicht hätte mahnen sollen.

Denn dort wurde Osama bin Laden, der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, zwar irgendwann getötet. Doch der Terror ähnelt der Schlange Hydra in der griechischen Mythologie. Für jeden Kopf, der diesem vielhäuptigen Wesen abgeschlagen wurde, wuchsen zwei neue. Der Krieg gegen den Terror hat nicht nur die Zahl der Terroristen potenziert. Er hat auch ihre geografische Basis vergrößert. Es müsse verhindert werden, dass Al-Kaida in einer Heimstatt am Hindukusch sicher sein könne, hieß es damals. Heute bilden weite Teile Syriens, des Irak, Libyens, einige Länder Afrikas und immer noch Afghanistan den Rückzugsraum des „Islamischen Staates“ und ähnlicher Gruppierungen.

Der Anti-Terror-Krieg entwickelte eine politische Dynamik zur Ausweitung seiner Ziele. So kamen „Schurkenstaaten“ ins Visier wie der Irak. Oder Libyen. Deren blutige Regime sind inzwischen hinweggefegt. In ihren Trümmern blüht nun das terroristische Chaos. Der „Islamische Staat“ ist militärisch auch deshalb so stark, weil er große Teile des Offizierskorps der Armee Saddam Husseins integriert hat.

Diese Erfahrung führt nun zu einer seltsamen Unentschiedenheit im Umgang mit Syrien. Hier hat der IS seine Basis. Hier müsste er geschlagen oder zumindest entscheidend geschwächt werden. Doch sein wichtigster Gegner vor Ort heißt Baschar al-Assad, ein Diktator nicht besser als Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi. Darf man mit ihm zumindest teilweise gemeinsame Sache machen? Die deutsche Regierung antwortet darauf mit einem entschiedenen Jein und setzt darauf, dass zumindest Teile von Assads Armee in der Kooperation mit dem Westen eine Perspektive sehen könnten. Doch noch ist eine Spaltung des syrischen Regimes von außen nicht zu erkennen.

Ebenso wenig kann von Einigkeit der Anti-Terror-Krieger die Rede sein. Ja, man will den IS stoppen. Die USA bombardieren schon länger seine Stellungen. Nach dem Terror von Paris ist Frankreich hinzugekommen. Aber die Türkei, ein wichtiger Nato-Partner, findet es aus innenpolitischen Erwägungen noch wichtiger, die Kurden zu bekämpfen, die wiederum nicht nur Deutschland als Bodentruppen gegen die Terrormilizen aufrüstet.

Bislang unabgesprochen mit den westlichen Staaten bekämpft auch Russland den IS – mit dem Ziel das Assad-Regime zu stabilisieren. Wie lange dies traditionelle Band hält, ist ungewiss. Sicher ist nur: Ein Krieg, in dem die wichtigsten Teilnehmer unterschiedliche Vorstellungen verfolgen, ist schwer zu gewinnen. Ein Krieg, in den nicht alle Kräfte geworfen werden, um eine Entscheidung herbeizuführen, erst recht nicht.

Hier steht dem Westen eine zentrale Lehre aus dem Anti-Terrorkrieg Nr. 1 im Weg: Bloß nicht zu weit hineinziehen lassen! Einmischung in den Krieg am Boden bringt aus dieser Sicht nur eigene Opfer, aber wenig Erfolg. Da übt sich die deutsche Verteidigungsministerin lieber im Schönreden der Wirklichkeit: „Wo alle Interesse am Erfolg haben, finden sich auch motivierte lokale Bodentruppen.“ Was der Erfolg, was die gemeinsamen Kriegsziele seien, darüber wird aber gerade erst verhandelt. Und gestritten. Ende? Ungewiss. Bei einer internationalen Runde in Wien wird gerade erst versucht, die unterschiedlichen Kräfte in Syrien zwischen Assad und IS unter einen Hut zu bringen.

In dieser unübersichtlichen Lage scheint es schlau, wenn die Bundesregierung gegenüber Frankreich ihrer Bündnispflicht genügt, bis zu 1200 Soldaten einbringt, sie aber vorsichtig zur See und in der Luft operieren lässt. Aber ist es auch klug? Denn das Muster ist bekannt. Auch in Afghanistan (und vorher auf dem Balkan) hat sich Deutschland nur in Mini-Schritten in die blutige Auseinandersetzung begeben – und war am Ende doch hinreichend dabei, um an den mangelnden Erfolgen teilhaben zu dürfen.

Frankfurter Rundschau 30.11.2015

Auge um Auge – viel zu schnell fallen tief verwundete Nationen und ihre politischen Verbündeten in alte Verhaltensmuster. Foto: dpa; Quelle: Frankfurter Rundschau

Ist Krieg gegen den Terror gerechter Krieg?

Im Rahmen der diesjährigen Göttinger Nachhaltigkeitskonferenz referierte der Politikwissenschaftler Lothar Brock in seinem Eröffnungsvortrag „Migration – Frieden – Human Security“ unter anderem zum ‚gerechten Krieg‘. Der Deutschlandfunk berichtete am 26.11.2015:

Amerika definierte 2001 den Krieg gegen den Terrorismus als gerechten Krieg, bei dem das Völkerrecht keine Einschränkung darstellen dürfe. Brock warnt, dass diese Einstellung gleichzeitig die Möglichkeit zur Legitimation von Gewalt öffnet.

Der aktuell vielfach geäußerten Angst, Migration bringe Terror hervor, widerspricht der langjährig an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung tätige Wissenschaftler.  Aber Migranten könnten von Terroristen missbraucht werden, wenn ihre Integration misslinge. Und Integration – misslinge in der Regel.

Quelle: Deutschlandfunk 26.11.2015

Weitere Links

Wikipedia – Krieg gegen den Terror

Spiegel

Presse

FAZ

Denislania, Olomaina, Fretelina und Maria – geboren 2009

Sie haben ein Kind, das 2009 geboren wurde? Sie kennen im Freundeskreis, in der Familie 6-jährige Mädchen und Buben, die vor kurzem stolz und mit gut gefüllter Schultüte ihren ersten Schultag erlebten? Oder die mit glänzenden Augen und leuchtender Laterne in der Straße ihres Kindergartens ‚Ich geh mit meiner Laterne‘ sangen.

Diese Kinder sind im Jahr der 15. UN-Klimakonferenz, die in Kopenhagen, Dänemark statt gefunden hat, zur Welt gekommen. Folgen Sie nun der britischen Tageszeitung Guardian zu Altersgenoss(inn)en dieser Kinder in 4 Erdteile und zu unterschiedlichen Lebensumständen – mit der einen Gemeinsamkeit: Sie sind von den Auswirkungen des Klimawandels sehr unmittelbar betroffen.

Geboren 2009: Wie geht es Denislania, Olomaina, Fretelina und Maria?

2009 besuchte Guardian je eine Familie und deren Neugeborenes in Brasilien, Kenya, Timor-Leste und Bangladesh und sprach mit den Menschen über die Hoffnungen für das Baby, die Ängste, die Sorgen. 2015 anlässlich der nunmehr 21. Klimakonferenz, die vom 30. November bis 11. Dezember 2015 in Paris, Frankreich statt finden wird, besuchte Guardian dieselben Familien nochmals. Wie geht es Ihnen? Und wie geht es den Kindern, die beim ersten Besuch Babys waren?

Denislania da Silva, Brasilien

Für die Familie da Silva, die zu den Macuxi zählen, hat es positive Entwicklungen gegeben. In 2009 entschied ein Gericht zu Gunsten der Macuxi: Farmer, die das Land für Reisanbau besetzt hatten, müssen dieses den indigenen BewohnerInnen wieder für Jagd und Fischfang überlassen. Auch sind öffentliche Verkehrsmittel installiert und ein Elektrizitätswerk errichtet worden.

Dennoch fürchtet Denislanias Familie, in Zukunft nicht in der angestammten Region überleben zu können. Mutter Elisa erzählt davon, dass sich die Jahreszeiten stark verändert haben. Früher gab es eine Regenzeit und einen Sommer, nunmehr ist es zunehmend trocken. Der Fluss, in dem die Männer traditionellerweise fischen, trocknet oft aus. Und die steigenden Temperaturen schaden dem tropischen Regenwald.

Elisa da Silva weiß oft morgens nicht, wie sie Denislania und deren 5 Geschwister satt bekommt. Denislania selbst geht in die Schule und möchte gerne Lehrerin werden.

Denislania da Silva, geboren 2009; Fotograf: Mayra Wapichana/CIR ; Quelle: www.theguardian.com

Olomaina Mutonka, Kenya

Die Familie Mutonka zählt zu den Masai. Sie lebt südlich von Nairobi. Schon 2009 fürchtete sie die zunehmende Trockenheit. Und die Ängste waren berechtigt. Einst hatte sie 284 Tiere, in den vergangenen 6 Jahren sind 271 verendet. Im vergangenen Jahr regnete es nicht. In dieser Region gab es alle 3 Jahre eine Dürreperiode. In der jüngeren Vergangenheit nahmen deren Häufigkeit und Dauer zu.

Olomainas Mutter Noomirisho fürchtet, dass sie alle Tiere verlieren werden und ihnen nichts zum Leben bleibt. Sie könnte dann das Schulgeld für ihren Sohn und seine Geschwister nicht mehr zahlen. Die Kinder hätten keine Zukunft.

Noomirisho steht um etwa 5 Uhr Früh auf, um das Frühstück für die Kinder zu bereiten, bevor sie entweder die Herde auf die Weide führt oder den 6-Stunden-Weg hin und zurück für Wasser auf sich nimmt. Jeden zweiten Tag holt sie mit einem Esel 30 Liter Wasser in 2 Kanistern von einem aufgelassenen Steinbruch. Das Wasser ist salzig, doch es ist die einzige Quelle. Der Olkejuado Fluss ist seit langem ausgetrocknet.

Noomirisho Mutonka mit Olomaina, geboren 2009; Fotograf: David Mutua/Cafod; Quelle: www.theguardian.com

Fretelina de Oliveira, Timor-Leste

Fretelina ist als drittes Kind der Familia Oliveira zur Welt gekommen. Im Jahr ihrer Geburt war die Insel von mehreren Dürren betroffen. Brunnen trockneten aus und die Maisernte war schlecht.

Die Bedingungen sind härter geworden. Armando, Fretelinas Vater, erzählt, dass die Temperaturen heißer geworden sind. Doch die schwierigste Zeit ist die Regenzeit von November bis Mai. Wasser dringt in die Häuser und die Menschen sind damit beschäftigt, das Wasser in halbwegs geordnete Bahnen zu bringen.

In der Region, in der Familie Oliveira lebt, ist Subsistenzwirtschaft vorherrschend. Schlechte Erträge schwächen die Menschen und machen sie krankheitsanfälliger. Zugang zu Ausbildung und Gesundheitswesen ist nicht selbstverständlich. Fretelina geht als einziges der 3 Kinder zur Schule.
Joana, Armando und Fretelina de Oliveira, geboren 2009; Fotograf: Januario Soares/Caritas Australia; Quelle: www.theguardian.com

Maria Mallik, Bangladesh

Familie Mallik lebt im Barguna Distrikt, wo steigende Meeresspiegel die Vegetation und die Landwirtschaft bedrohen. Das salzhältige Wasser beeinträchtigt die Produktivität des Bodens. Das Trinkwasser ist verschmutzt. Zudem ist die Region von zerstörerischen Wirbelstürmen heimgesucht worden. Mehr und mehr Menschen verlassen das Land und wandern in Städte ab.

Schon 2009 war die Situation sehr ernst. Sie ist über die Jahre schlecher geworden. Tayab Mallik, Marias Vater, sagt, dass jeder in der Gemeinschaft weiß, dass der Klimawandel eine große Bedrohung ist. Doch die Menschen sind zu arm, um zu entkommen.

Tayab erzählt vom Fluss Pyra, ca. 3,2 Kilometer von seinem Haus entfernt, dessen Wasserstand von Jahr zu Jahr steigt. Man wisse nie, sagt er, wann man in der Nacht schwimmen muss, statt in seinem Bett zu schlafen.

Alles in allem führt er ein sorgenvolles Leben und ist sehr beunruhigt, dass seine 5 Töchter und sein Sohn von seinem Stress  beeinträchtigt werden. Seine Kinder verbringen ihre Zeit damit, sich Gedanken zu machen, wie sie sich an das geänderte Klima anpassen können. Das ist keine richtige Kindheit, meint der Vater von Maria.

Maria Mallik, geboren 2009, mit ihrer Mutter Majeda; Fotograf: Anik Rahman/CAFOD/Cafod; Quelle: http://www.theguardian.com

Lesen Sie die ausführlichen Berichte

Paris climate talks: The Guardian

Klimakonferenz 2015: Wikipedia

Klimakonferenz 2009: Wikipedia

Klimawandel potenziert Konflikte

Die uns alle erschütternden Terroranschläge in Paris am 13.11.2015 überschatten die im Vorfeld mit großen Hoffnungen verbundene 21. Klimakonferenz, die vom 30. November bis 11. Dezember in Paris stattfinden wird. Plötzlich liegen Terrorangst und Klimaveränderung unmittelbar beieinander. Der Horror vor Terror ist größer als die Sorge vor den Auswirkungen des Klimawandels.

Klimawandel ist Sicherheitsrisiko

Dass der Klimawandel ein globales Sicherheitsrisiko darstellt, legen ExpertInnen seit langem immer wieder dar. Zuletzt nahm unter anderem Benjamin Pohl von der Denkfabrik adelphi im Interview mit Deutschlandfunk (DLF) dazu Stellung.

Es gab in den Medien in den letzten Monaten eine ziemliche Debatte zu Syrien, inwiefern der Bürgerkrieg in Syrien durch den Klimawandel mit angetrieben wurde, und da ist relativ deutlich, dass es im Vorfeld zu den Demonstrationen eine langjährige Dürre gab, die dazu beigetragen hat, dass aus vielen ländlichen Gegenden die Leute ihre Lebensgrundlage verloren haben und in die Städte umgesiedelt sind, wo wiederum die Reaktionen der syrischen Regierung oder das, was sie getan haben, völlig unzureichend war dafür, um diesen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen, und das hat sicherlich eine Grundlage mit geschaffen dafür, dass dieser Konflikt so eskaliert ist. Das soll keinesfalls heißen, dass der syrische Bürgerkrieg in erster Linie ein Klimakrieg wäre. Der Begriff ist sicherlich ein irreführender.

Der syrische Bürgerkrieg ist in erster Linie ein Konflikt um das autoritäre Regime von Assad, das in menschenverachtender Weise gegen seine eigene Bevölkerung vorgeht. Aber diese strukturellen Grundlagen sollten dabei nicht aus dem Blickfeld geraten, und die sind zum einen sicherlich durch den Klimawandel verursacht, zum anderen natürlich auch durch jahrzehntelanges Missmanagement der Wasservorräte des Landes, dass man zugelassen hat, dass jenseits der nachhaltigen Möglichkeiten Wasser gefördert wurde, und irgendwann ist es dann alle und dann fehlt den Leuten die Lebensgrundlage.

Pohl mahnt ein, angesichts der sich permanent in die Nachrichten drängenden Ereignisse die strukturellen Aufgaben im Rahmen des Klimawandels nicht aus dem Blick zu verlieren.

Sozialer Unfriede durch Dürre und andere Umweltphänomene

Auch Achim Steiner, Chef des UNO-Umweltprogramms ist sicher, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und den Konflikten in der Welt gibt. Ebenfalls in einem DLF-Interview sagt er, Phänomene wie Dürre oder steigende Meeresspiegel trügen zu sozialem Unfrieden bei.

Es liegt vor allem in den Zusammenhängen, die wir, glaube ich, uns immer wieder vor Augen führen müssen. Es ist ja nicht so, dass Terror ein isoliertes Phänomen ist und dass auch der Klimawandel in sich selbst sozusagen Terror oder Konflikte schürt. Aber was wir heute genau wissen ist, dass in unseren Gesellschaften durch Klimawandel Umstände entstehen und auch Entwicklungen stattfinden werden, die den Konflikt noch eher potenzieren, den Wettbewerb um Ressourcen, dass Menschen zu Flüchtlingen werden, und gerade auch an dem Beispiel Syriens, das ja sehr tragisch verdeutlicht, wie die Dürreperiode über vier Jahre dazu führte, dass über eine Million Menschen aus den ländlichen Regionen fliehen musste und dadurch den sozialen Unfrieden erst einmal noch geschürt hat, das sind Beispiele, die wir uns mit nicht sehr viel Fantasie auch in der Zukunft sehr vor Augen führen müssen, wenn Millionen von Menschen durch Dürreperioden, durch den Klimawandel, auch zum Beispiel Meeresspiegelanstieg, Umsiedlung in den Küstenzonen zu Situationen führen, wo unsere Gesellschaften unter Stress geraten. Und da ist natürlich der Konflikt vorprogrammiert und damit ja, ist der Zusammenhang Klimawandel-Konfliktpotenzial, der auch oft in Bürgerkriege ausarten kann, sicherlich gegeben und bereits durch viele Beispiele zumindest im Ansatz verdeutlicht.

Risiken des Klimawandels

NewClimateForPeace_Seven compound climate-fragility risks -threaten states and societies

Links

Deutschlandfunk 17.11.2015: Globale Erwärmung als Sicherheitsrisiko

adelphi

Deutschlandfunk 18.11.2015: „Das Konfliktpotenzial des Klimawandels ist gegeben“

Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP

A new climate for Peace

1-sicht findet: Lesen bildet.
1-sicht meint: Lesen nährt den Verstand

Friedensforschung und Terrorismus Index – das ‚Institute for Economics and Peace‘ präsentiert ‚Global Terrorism Index 2015‘

Am 17.11.2015 stellte das renommierte Institute for Economics and Peace den Global Terrorism Index 2015 vor. Was wie eine Reaktion auf die Terroranschläge in Paris und die Diskussionen um mögliche Antworten darauf wirken kann, war lange zuvor angekündigt. Nützen wir die Erkenntnisse für einen möglichst sachlichen Diskurs der aktuellen Ereignisse und unserer Handlungsoptionen!

Vom ökonomischen Wert des Friedens

‚Den ökonomischen Wert von Frieden messen und kommunizieren‘ formuliert das Institute for Economics and Peace (IEP), das 2007 von Steve Killelea gegründet wurde und Büros in New York, Sydney und Mexiko hat, seine Aufgabe. Ziel ist es, das traditionelle Denken betreffend Sicherheit, Verteidigung, Terror und Entwicklung auf Basis datenfundierter Forschung zu beeinflussen. Man will zeigen, dass Friede eine greifbare und erzielbare Maßnahme für das Wohlergehen der Menschen und deren Entwicklung ist.

Die 4 Hauptforschungsgebiete sind:

  • Frieden messen: Welche sozialen, politischen, ökonomischen Faktoren sind Voraussetzung für Frieden?
  • Ökonomie des Friedens: Was sind die ökonomischen Auswirkungen von Gewalt?
  • Positiver Friede: Welche Verhaltensweisen, Strukturen, Institutionen ermöglichen dauerhaft friedliche Gesellschaften?
  • Risiken verstehen: Welche Risikofaktoren befördern Instabilität und Gewalt von Ländern?

Positiver Friede

Kann es auch negativen Frieden geben?

Als positiven Frieden definiert das IEP das Vorhandensein von Verhaltensweisen, Institutionen und Strukturen, die friedvolle Gesellschaften schaffen und wahren. Negativer Friede ist dem gegenüber bloß die Abwesenheit von Gewalt und Furcht vor Gewalt.

Die 8 Faktoren (Säulen) eines positiven Frieden gemäß IEP

  • gut funktionierende Regierung (hohe Qualität der öffentlichen und zivilen Dienstleistungen, die Vertrauen und Verlässlichkeit schafft)
  • solide Geschäftsumwelten (formale Institutionen, Regulationssysteme)
  • gerechte Verteilung der Ressourcen (gleiche Zugangsmöglichkeiten zu Ausbildung, Gesundheitssystem, Einkommensmöglichkeiten)
  • Akzeptanz der Rechte der Anderen (friedliche Beziehungen zu anderen Ländern, gute Beziehungen verschiedener Gruppen innerhalb eines Landes)
  • freier Informationsfluss (freie und unabhängige Medien, Zugang zu Informationen)
  • hohes Niveau des Humankapitals (Ausbildung verbessert ökonomische Produktivität, ist die Basis für Widerstandsfähigkeit sowie Lern- und Entwicklungsfähigkeit)
  • niedriges Korruptionsniveau (Korruption führt zu ineffizienter Aufteilung von Ressourcen)

Aktuelle Fakten zum globalen Terrorismus

Im Rahmen der Studie Global Terrorism Index untersucht IEP 162 Länder (damit sind laut eigenen Angaben 99 % der Weltbevölkerung abgedeckt) hinsichtlich terroristischer Aktivitäten. Im Folgenden ein Auszug der Ergebnisse für das Jahr 2014 (aus Global Terrorism Index 2015):

  • Durch terroristische Aktivitäten wurden 32.658 Menschen getötet. Das entspricht gegenüber dem Vorjahr 2013 mit 18.111 eine Erhöhung um 80% und ist der höchste Wert, der jemals für ein Jahr gemessen wurde.
  • 13.370 Terroranschläge wurden in 93 Länder verübt.
  • 78% aller Terroropfer und 57% aller Anschläge konzentrieren sich auf 5 Länder: Afghanistan, Irak, Nigeria, Pakistan und Syrien.
  • Für 51% aller weltweiten Opfer bekennen sich 2 Terrororganisationen verantwortlich: Boko Haram und ISIL (Islamischer Staat für Irak und Levante)
  • Im Irak starben 9.929 oder knapp 30% aller Opfer. Dies ist der höchste Wert, der jemals für ein Land für ein Jahr an Terroropfern gemessen wurde.
  • Die höchste Zunahme an Opfern in 2014 verzeichnet Nigeria mit 7.512 Toten oder einer Steigerung um 300% gegenüber 2013
  • Global werden die ökonomischen Kosten des Terrorismus auf US$ 52,9 Milliarden geschätzt.

Seit 2000 wurden ca. 140.000 Menschen bei 61.000 Terroranschlägen getötet. Der Anteil an Opfern in den OECD-Staaten liegt bei 2.6%.

Terroropfer 2000 - 2014
Terroropfer 2000 – 2014

‚78 % aller Terroropfer sind in 5 Ländern.‘ Die Aussage bestürzt mich am allermeisten. Füge ich diese mit den Nachrichten von der ‚verlorenen Generation‘ zusammen, Nachrichten über junge Menschen, die bar jeglicher Existenzgrundlage und Perspektive leben und Versprechungen von diesseitigem Ruhm und jenseitigem Paradies nur allzu gerne Glauben schenken und diesen bereitwillig mit Waffengewalt und unter Einsatz ihres Lebens verteidigen – zu verlieren haben sie ohnehin nichts – dann scheint ein Fokus auf die Errichtung der Friedenssäulen, die das IEP definiert, in den vom Terrorismus besonders betroffenen Ländern mehr als geboten – zum Schutz der Menschen, die dort leben, und zu unserem eigenen Schutz.

Terror = Furcht, Schrecken

Wikipedia sagt uns: Das lateinische Wort ‚terror‘ heißt ‚Furcht‘, ‚Schrecken‘. Unter Terrorismus werden – bei aller Unschärfe der Definition – Gewalt und Gewaltaktionen verstanden, die gegen eine politische Ordnung gerichtet sind. Terror dient als Druckmittel zur Verbreitung von Unsicherheit und Schrecken. Terror wird als Kommunikationsstrategie nicht als militärische Strategie eingesetzt. In der Terrorismusforschung wird Terrorismus als gewaltsame Methode verstanden, die nicht zuletzt gegen Zivilisten und zivile Einrichtungen gerichtet ist.

Das erklärt, warum terroristische Aktionen so sehr an unserem Sicherheitsgefühl rütteln und uns in Angst versetzen. Rein statistisch betrachtet müsste unsere Angst, ermordet zu werden, 13 Mal größer sein. Weltweit gibt es laut IEP jährlich ca. 437.000 Mordopfer.

Quellen

Institute for Economic and Peace

Global Terrorism Index 2015

John Lennons Traum

John Lennons Vision einer Gesellschaft, in der die Menschen in Frieden leben und wo es nichts gibt, wofür es sich lohnt zu töten oder zu sterben:

Imagine

Imagine there’s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people
Living for today…

Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people
Living life in peace…

You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people
Sharing all the world…

You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one.
I hope someday you’ll join us.
And the world will live as one.

John Lennons ‚Imagine‘

auf 1-sicht publiziert im Angesicht der Terroranschläge in Paris am 13. November 2015 und des daraufhin erneut ausgerufenen Kriegs gegen den Terror. Der Song, 1971 auf dem Album Imagine veröffentlicht, gilt als Hymne der Friedensbewegung.

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imagine: wikipedia