Transparenz und freie Rede als Motoren für fake news?

Als sich das Internet Ende des vorigen Jahrhunderts seinen Weg aus der militärischen in die zivile Welt bahnte, frohlockten Enthusiasten über die nun zu erwartende weltweite Entwicklung Richtung Demokratisierung,  Chancengleichheit, faire Märkte, die mit dem Zugang aller Menschen auf alle Daten – vollkommene Transparenz – möglich sein werde. Mittlerweile kann jeder und jede Nachrichten, Bilder, Geschichten, Videos im weltweiten Netz publizieren. Doch statt über mehr Informationen zu verfügen, stehen wir oft vor der Situation, Wahres von Falschem nicht auseinander halten zu können.

Stanley Fish, Jurist, Universitätsprofessor und Buchautor stellt die These auf, dass die Forderung nach vollkommener Transparenz und uneingeschränkter Redefreiheit an diesem Dilemma schuld sei. Den scheinbaren Widerspruch diskutiert er in seinem Beitrag ‚Transparency‘ is the Mother of Fake News in der New York Times vom 7. Mai 2018.

Darf man gegen Transparenz sein?

Die Apostel der freien Rede, so Fish, gingen davon aus, dass mehr davon die Bedingungen für die Menschen besser mache und dass es die Aufgabe der staatlichen Institutionen sei, für ein Mehr an freiem und frei zugänglichem Datenfluss zu sorgen. Aufgeklärten Menschen fällt es schwer, gegen Transparenz zu argumentieren. Fish verweist jedoch darauf, dass Daten erst dann zu Informationen werden, wenn sie interpretiert, in Zusammenhänge gesetzt werden. Rohe Daten sind aussagelos, weder gut noch schlecht.

Interpretieren, in Zusammenhänge setzen muss aber gelernt sein und bestimmten Regeln folgen. Im Journalismus etwa Check und Double-Check, die deutliche Unterscheidung von Bericht und Kommentar/Meinung. In der Wissenschaft Kontrollgruppen, Wiederholbarkeit von Experimenten. In der Justiz Prüfung von Beweisen, Aussagen etc. auf Stimmigkeit. Geschieht dies nicht, so Fish, erzählen wortmächtige Personen ihren Intentionen entsprechende Geschichten und fügen ‚Daten‘ so ein, dass die Geschichten scheinbar belegt werden. Das ist so ziemlich das Gegenteil von auf Daten basierenden Berichten und damit von Transparenz. Manipulationen und Täuschungen sind Tür und Tor geöffnet. Auch wenn einige Internetpropheten es nicht wahrhaben wollen, die Menschen sind von Motiven – nicht immer von edlen – getrieben. Propaganda, Übertreibung, Beleidigung und andere bekannte Ausformungen menschlicher Kommunikation werden nicht verschwinden, nur weil Daten unbeschränkt zur Verfügung stehen.

Fish hält den Dialog, das Diskutieren von Standpunkten für unerlässlich, um sich etwas wie Transparenz, Wahrheit anzunähern, allenfalls Lug und Trug (fake) die Oberhand gewinnen werden. Jenen, die daran glauben, dass die Welt bloß am unausgereiften Datenfluss, an einer unvollendeten Kommunikationsstruktur leide und deshalb staatliche Institutionen nötig habe, dass solche aber in einer vollkommen transparenten Welt hinfällig seien, schreibt Fish ins Stammbuch: „Das Misstrauen gegenüber Mechanismen, die auf gesellschaftlichen Übereinkünften und auf Autoritäten basieren, führt zur bizarren Schlussfolgerung, dass eine Behauptung glaubwürdiger wird, wenn sie keine institutionelle Quelle aufweist. In dieser Logik kann ein Stück Nachricht, dass ein Teenager irgendwo auf der Welt in seinen Blog tippt, als verlässlicher gelten, als die Nachricht eines seriösen Nachrichtenprofis.“

Quellen und links

New York Times, 7. Mai, 2018, Stanley Fish: ‚Transparency‘ Is the Mother of Fake News

Geschichte des Internets, wikipedia

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1-sicht meint: Lesen nährt den Verstand
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