Was die Welt Flüchtlingen schuldet

Essay von Angelina Jolie

im Magazin TIME, 1. Juli 2019
frei übersetzt von 1-sicht

Was sehen Sie vor Ihrem geistigen Auge, wenn Sie an Flüchtlinge denken? Wahrscheinlich niemanden europäischer Herkunft. Aber, wären Sie ein Kind des 2. Weltkrieges und fragten Ihre Eltern, was ein Flüchtling war, so würde man Ihnen europäische Menschen beschreiben.

Über 40 Millionen Menschen wurden damals aufgrund des Krieges heimatlos. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat (U.N. Refugee Agency, UNHCR) wurde ihretwegen gegründet. Das vergessen wir. Einige der Führungspersönlichkeiten, die in härtester Rhetorik gegen Flüchtlinge wettern, haben biografische Spuren in Staaten, die tragische Flüchtlingserfahrungen machten und denen durch die internationale Gemeinschaft geholfen wurde.

Beim ersten Anzeichen von bewaffneten Konflikten oder Verfolgung ist der natürliche menschliche Reflex, die Kinder von Bedrohung fernzuhalten. Von Bomben, Massenvergewaltigung oder Mördertruppen bedroht, raffen die Menschen das Wenige zusammen, das sie tragen können und suchen Sicherheit. Flüchtlinge sind Menschen die entschieden haben, einen Konflikt zu verlassen. Sie lotsen sich und ihre Familien durch den Krieg. Oft helfen sie, ihre Staaten wieder aufzubauen. Das sind Qualitäten, die zu bewundern sind.

Von der Pflicht, Flüchtlingen zu helfen

Warum dann hat das Wort ‚Flüchtling‘ in unserer Zeit eine solch negative Konnotation erhalten? Warum werden Politiker/innen gewählt, die versprechen, Grenzen zu schließen und Flüchtlinge zurück zu schicken?

Heute ist die Differenzierung zwischen Flüchtling und Migrant verschwommen und politisiert. Flüchtlinge sind aufgrund von Verfolgung, Krieg oder Gewalt gezwungen worden, ihre Länder zu verlassen. Migrantinnen und Migranten haben entschieden, woanders hinzuziehen, hauptsächlich um ihr Leben zu verbessern. Manche politischen Führer verwenden die beiden Begriffe absichtlich austauschbar und bedienen sich feindlicher Rhetorik, die Ängste gegen alle Außenseiter schürt.

Jeder verdient Würde und faire Behandlung, aber wir müssen uns der Unterscheidungen klar sein. Nach internationalem Recht ist es keine Möglichkeit, Flüchtlingen zu helfen, es ist eine Verpflichtung. Es ist möglich, strenge Grenzkontrollen, faire und humane Einwanderungspolitik und unsere Verantwortung, Flüchtlingen zu helfen, zu verbinden. Über die Hälfte aller Flüchtlinge weltweit sind Kinder. 4 von 5 leben in Staaten, die an jene Konflikt- oder Krisenzone grenzen, aus der sie geflohen sind. Weniger als 1% der Flüchtlinge sind jemals ständig umgesiedelt, inklusive in westlichen Staaten.

Amerikas Großzügigkeit bedeutet, dass wir die meiste Hilfe leisten. Aber betrachten wir den Libanon, wo jede 6. Person ein Flüchtling ist. Oder Uganda, wo ein Drittel der Bevölkerung in extremer Armut lebt und die knappen Ressourcen mit über einer Million Flüchtlingen teilt. Weltweit tun jene Länder, die am wenigsten haben am meisten.

70 Millionen Vertriebene weltweit

Als ich vor 18 Jahren damit begann, für die U.N. Refugee Agency (UNHCR) tätig zu werden, gab es rund 40 Millionen gewaltsam vertriebene Menschen und die Hoffnung, dass die Anzahl zurück geht. Dem jüngsten UNHCR-Report zufolge beträgt die Anzahl der gewaltsam vertriebenen Menschen mittlerweile über 70 Millionen und ist rasch steigend. Von Myanmar bis Südsudan scheitern wir, Konflikte zu lösen und den Menschen eine Rückkehr zu ermöglichen. Und wir erwarten, dass die U.N. irgendwie mit dem resultierenden menschlichen Chaos fertig wird.

In der ersten Sitzung der U.N. Generalversammlung in 1946, wurde den Mitgliedsstaaten durch President Truman die folgende wichtigste Verantwortung auferlegt. Er sagte, die U.N. “ kann die eigenen Verpflichtungen nicht adäquat erfüllen, solange keine Friedensabkommen gelten und diese Friedensabkommen eine solide Basis für ständigen Frieden bilden.“

Aber die traurige Wahrheit ist, dass die Mitgliedsstaaten Instrumente und Standards der U.N. selektiv anwenden. Oft stellen sie Geschäfts- und Handelsinteressen vor das Leben unschuldiger Menschen, die von Konflikten betroffen sind. Wir werden müde oder desillusioniert und wenden unsere diplomatischen Bemühungen ab, bevor die Staaten stabilisiert sind. Wir suchen Friedensvereinbarungen, wie zum Beispiel in Afghanistan, die Menschenrechte nicht zentral beinhalten. Und wir beachten den Einfluss des Klimawandels als Hauptfaktor von Konflikt und Vertreibung kaum.

37.000 Vertriebene pro Tag

Wir setzen Hilfe als Ersatz für Diplomatie ein. Aber man kann Krieg nicht mittels humanitärer Hilfe befrieden. Schon gar nicht, wenn die wenigsten humanitären Fonds mit nicht einmal 50% finanziert sind. Für den Fonds, der 2019 für Syrien nötig wäre, erhielt die U.N. nur 21%. Für Libyen beträgt das Ausmaß nur 15%.

Voriges Jahr betrug die durchschnittliche Zahl der Vertriebenen 37.000 pro Tag. Stellen Sie sich vor, für dieses Maß an Verzweiflung Unterstützung zu organisieren, wenn nicht einmal Mittel zur Verfügung stehen, um der Hälfte der Personen zu helfen.

Der 20. Juni ist der Weltflüchtlingstag. Er gemahnt uns, dass es eine Illusion ist zu denken, irgendein Staat kann sich hinter seine Grenzen zurück ziehen und schlicht hoffen, dass die Probleme vorbei ziehen. Wir brauchen politische Führung und Diplomatie. Wir müssen auf langfristigen Friede – aufbauend auf Gerechtigkeit, Recht und Verlässlichkeit – fokussieren, damit Flüchtlinge nach Hause zurück kehren können.

Das ist kein sanfter Zugang. Das ist der harte Weg des Tuns, aber es ist der einzige, der einen Unterschied machen wird. Die Entfernung zwischen uns und den Flüchtlingen der Vergangenheit ist kürzer als wir denken.

Angelina Jolie

Angelina Jolie ist mitwirkende Redakteurin des Magazins TIME, Schauspielerin, Oskar-Preisträgerin und Gesandte des U.N. Flüchtlingshochkommissariat

Quellen und links

UNHCR – wikipedia

UNHCR Österreich – UNHCR

Weltflüchtlingstag – UNHCR

Angelina Jolie – wikipedia

Menschenrechte auf 1-sicht

Angelina Jolie, Gesandte des UNHCR
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Iran und USA – über eine historische Gegnerschaft

Seit die USA das Atomabkommen mit Iran aufgekündigt haben, ist die Welt eine weitere Nuance nervöser geworden. Warum Iran den Forderungen der USA nicht nachkommen wird und wo die Ursachen für die fast reflexartige und jedenfalls kompromisslose Gegnerschaft zwischen Iran und USA liegen, zeichnet Christian Weisflog in der NZZ vom 6.7.19 nach.

Die Ereignisse des 19. August 1953 spielen eine erhebliche Rolle. Der populäre, demokratisch legitimierte Ministerpräsident Mohammed Mossadegh wird gestürzt und durch Schah Mohammed Reza Pahlavi ersetzt. Drahtzieher waren amerikanische und britische Geheimdienste. Denn sie erwarteten vom Schah einen prowestlichen, antikommunistischen Kurs.

Die Geschichte vor dem Putsch

In den 1940er Jahren kontrollierte Grossbritannien die Anglo-Iranian Oil Company. Deren Gewinn ging lediglich zu maximal 25 Prozent an Iran. Mossadegh führte damals eine Bewegung für die Verstaatlichung der Erdölindustrie an. 1951 stimmte das iranische Parlament für die Verstaatlichung und wählte Mossadegh zum Ministerpräsidenten. In der Folge verhängte die Briten ein Erdölembargo gegen den Iran und wandten sich an die USA um Hilfe. Als 1953 Dwigth D. Eisenhower (Republikaner) Harry S. Truman (Demokrat) im Präsidentenamt ablöste, wurde Großbritannien erhört, Mossadegh gestürzt und Schah Reza Pahlavi eingesetzt.

Das Schah-Regime wurde von USA und Israel gestützt. Iran lieferte Erdöl ins von arabischen Staaten belagerte Israel. Israel entsandte Militärberater in den Iran und bildete die berüchtigte Geheimpolizei des Schahs aus.

Palahvi führte säkulare Reformen nach Atatürks Vorbild ein. Der iranisch-schiitische Islamismus wird als Gegenreaktion darauf gesehen.

Revolution gegen den Schah und Erstarken des Islamismus

1979 demonstrierten die Menschen im Iran gegen den Schah. Noch damals trugen sie Porträts von Mossadegh mit sich. Revolutionsführer Ruhollah Khomeiny wusste sowohl iranische Nationalisten und Islamisten als auch Linke und Konservative hinter sich. Sie einte die Ablehnung des von den USA aufgezwungenen Schah-Regimes.

Khomeiny und sein Nachfolger Ali Khamenei waren stark durch die ägyptische Muslimbruderschaft beeinflusst. Der iranische Kleriker Navvab Safavi, Gründer der revolutionären Gruppierung Fedayin-e Islam, war eine zentrale Verbindungsfigut zwischen der Bruderschaft und dem schiitischen Islamismus. Bereits 1950 formulierte er ein Konzept für einen islamischen Staat und predigte einen offensiven Jihad, um die vom Westen verdorbenen muslimischen Gesellschaften zu befreien.

In der eigenen Ideologie gefangen

Das revolutionäre Regime des Iran war nach 1979 zur Pragmatik gezwungen. Daher enthält das theokratische Staatsmodell auch republikanische Elemente. Trotzdem muss das Regime zu seiner Existenzsicherung an seiner radikalen Ideologie festhalten. Dabei hilft es, wenn die USA oder Israel mit den Säbeln rasseln. Denn kompromissloser Widerstand gegen die Feinde ist Schmiermittel jeder totalitären Revolution. Auch der Erste Golfkrieg 1980-1988 (Iran-Irak-Krieg), bei dem USA den Irak unterstützte, vertiefte Irans Trauma von 1953 und festigt die Selbsteinschätzung als Opfer des amerikanischen Imperialismus. Der einzige Ausweg daraus ist aus Irans Sicht der kompromisslose Kampf gegen den amerikanischen ‚Satan‘ – auch wenn dieser Kampf mit dem Märtyrertod endet.

Angesichts der tiefen Gegnerschaft waren bereits die amerikanisch-iranischen Verhandlungen über ein Atomabkommen – und erst recht der ‚Atom-Deal‘ – bemerkenswert. Die Aufkündigung seitens USA nunmehr und die Forderung ‚Iran müsse ein normaler Staat werden‘, heißt nach Lesart des Iran, die amerikanische Ordnungsmacht sei im Nahen Osten zu akzeptieren. Dies scheint unrealistisch zu sein.

Iran on the globe (Afro-Eurasia centered).svg

Iran

United States on the globe (North America centered).svg

USA

Quellen und links

NZZ, Irans Regime kann vor dem amerikanischen ‚Satan‘ nicht kuschen. Eine Kapitulation wäre eine ideologische Selbstaufgabe. Eine Analyse. Christian Weisflog, Beirut, 6.7.2019

Spiegel, Iran: Details des Atom-Deals, 14.7.2019

Islamische Republik Iran – wikipedia

Vereinigte Staaten von Amerika – wikipedia

Iran und USA in historischer Gegnerschaft
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Pressefreiheit in Österreich: von Platz 11 auf 16 gesunken

Die LE MONDE diplomatique berichtet in ihrer Ausgabe Mai 2019 unter der Rubrik ‚Meldungen des Monats – Reporter ohne Grenzen‘ unter anderem über Österreich:

„In Österreich stellen Politiker der Regierungspartei FPÖ die Unabhängigkeit des Journalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen infrage. Am 23. April hat ORF-Moderator Armin Wolf den FPÖ-Kandidaten für die Europawahlen Harald Vilimsky auf Parallelen in der Bildsprache eines migrantenfeindlichen Comics der FPÖ-Jugend und antisemitischen Nazi-Karikaturen angesprochen. Wegen dieser ’skandalösen‘ Frage forderte Vilimsky den ORF_Intendanten auf, Wolf zu entlassen. Verbale Angriffe von Politikern gegen Medienschaffende sind der Hauptgrund dafür, dass Österreich in der neuen RoG-Rangliste (Anmerkung: Reporter ohne Grenzen) der Pressefreiheit von Platz 11 auf Platz 16 abgerutscht ist.“

Quellen und links

LE MONDE diplomatique

Reporter ohne Grenzen: auf wikipedia

Über Presse, Pressefreiheit auf 1-sicht: Fake-News, postfaktisch, alternative Fakten – wenn Machthaber ihre eigene Wirklichkeit bauen

Demokratie braucht Pressefreiheit und PresseleserInnen
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Ein Facebook-Investor kritisiert Facebook

Roger McNamee investiert seit 35 Jahren in Technologieunternehmen des Silicon Valley. Auch in Facebook. Er beschreibt sich selbst als frühen Mentor und Coach von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und ist immer noch Teilhaber an Facebook. In seinem neuen Buch ‚Zucked: Waking Up to the Facebook Catastrophe‘ geht er mit jüngsten Entwicklungen streng zu Gericht. Im TIME vom 28. Jänner sind Auszüge veröffentlicht. Diese sind hier verkürzt und auf Deutsch übersetzt wieder gegeben.

Geschehnisse rund um die Wahl zum US-Präsidenten im Jahr 2016 irritierten McNamee. Eigenartige, verstörende Postings im Zusammenhang mit dem Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Bernie Sanders, im Newsfeed von Freunden machten ihn stutzig. Es schien ihm, als hätte jemand mit böswilligen Absichten die logische Architektur der Plattform missbraucht. Doch er musste zur Kenntnis nehmen, dass es eben diese Architektur selbst war, die den verstörenden Postings zur Verbreitung half. Ebenso wie jenen, die Lügen über den Brexit enthielten.

Wut und Angst erhöhen die Aufmerksamkeitsraten

Das Geschäftsmodell der ’sozialen‘ Plattform basiert auf Werbung. Diese wiederum braucht die Aufmerksamkeit der Kundinnen und Kunden. Um diese zu gewinnen, wird manipuliert. Wut und Angst steigern die Aufmerksamkeit – gemessen an Klicks, Teilen, Kommentaren und all den angebotenen Interaktionen. Facebook beobachtet die Verläufe und sammelt die Daten, der Algorithmus setzt wiederum die individuell beliebten Themen in den Newsfeed. So bekommt jede und jeder, was der eigenen Stimmungslage und der des Freundeskreises entspricht. Schon ist man in der Blase, steigert sich hinein und steigert die Interaktionen zu den scheinbar für alle Welt zentralen Themen. Und Facebooks Datenfülle wächst.

Daten – begehrte Ware

Mit jeder Aktion, die man als Nutzer des Netzwerkes tätigt, entblößt man sich mehr. Und Facebook kann genauere, korrekter Angaben, gehaltvollere Daten verkaufen. Wer werben, also die Aufmerksamkeit von Kunden oder Wählerinnen auf sich ziehen will, kann dies nun sehr individuell tun. Ein Vorteil, den Akteure aus Russland im Verlauf der US-Präsidentschaftswahl 2016 gut zu nutzen wussten, um Einfluss zu nehmen.

Facebook reagierte auf vehementer werdende Kritik, demokratiepolitisch kritisch zu agieren, zuerst mit Verleugnung, später mit Entschuldigung und Besserungsgelöbnis, welches sich allerdings auf irrelevante Algorithmusänderungen beschränkten.

Der Investor fordert Änderungen in 7 Bereichen

McNamee fordert Reformen auf seiten von Facebook und Big-Tech-Unternehmen in folgenden 7 Schlüsselbereichen:

1 Demokratie

Demokratie fußt auf gemeinsamen Werten, Fakten, Diskursen und der Herrschaft der Gesetze. Sie braucht eine freie Presse, um die Mächtigen bei ihrer Verantwortung zu nehmen. Diese hat Facebook (sowie Google und Twitter) von 2 Seiten unter Druck gebracht. Zum einen erodierte das ökonomische Feld von Journalismus durch die scheinbar kostenlosen Plattformen, die – auf den ersten Blick Demokratie fördernd – jedem Menschen ermöglichen, Gedanken, Artikel etc., zu veröffentlichen. Zum anderen verschwimmen in den sozialen Netzwerken Information und Desinformation. Wahrheit und Lüge sehen gleich aus. Desinformation kommt besser an, wird daher vom Algorithmus besser behandelt und so zur vermeintlichen Wahrheit. McNamee sieht die Lösung nur in einem grundsätzlich anderen Geschäftsmodell, das nicht falsch besser als wahr reiht und extremen Meldungen den Vorzug vor neutralen gibt.

2 Privatsphäre

McNamee hält die Überwachungsleistung von Facebook für eines Geheimdienstes würdig. Den Umgang mit den Daten hingegen keineswegs. Den Nutzerinnen und Nutzern sind Eigentum an den und Kontrolle über die Daten zu geben. Sie sollten ein Recht darauf haben, zu wissen, welche Organisationen und Personen Daten über sie besitzen. Und sie sollten die Möglichkeit haben, ihre Daten von einer zur anderen Plattform zu transferieren.

3 Kontrolle über die Daten

Daten von Personen sollen nur mit ausdrücklicher Zustimmung und angemessener Kompensation genutzt werden dürfen. Außerdem spricht sich McNamee für Nutzungsbeschränkungen durch die Plattformen aus. Es sollte definiert werden, welche Art von Daten gesammelt werden dürfen.

4 Regulierung

McNamee hält die Probleme bezüglich Datenkontrolle, Privatsphäre etc. für unerwünschte Nebeneffekte. Entwicklungen, die von den Plattformgründern nicht intendiert sind. Und für die die Plattformen nicht aufkommen müssen. Diese seien künstlich reich, da sie nicht für von ihnen angerichtete Schäden zahlen. Es liegt nun also am Staat, die Risiken mittels Regulierungen einzuschränken. Zumal es zusätzlich riskant ist, bezüglich technologischer Entwicklung und Innovation von einer Handvoll Monopolisten abhängig zu sein. Der – zweifelsohne beeindruckende – Erfolg von Google, Amazon und Facebook macht es jungen Unternehmen in der Technologiebranche heute sehr sehr schwer, ökonomisch erfolgreich zu sein. Ist ihr Produkt vielversprechend, werden sie von den Marktführern kurzerhand aufgekauft. Dies durch Gesetze zu verhindern, könnte ein erster Regulierungsschritt sein, die Monopolisierungstendenzen einzuschränken.

5 Menschlichkeit

McNamee glaubt daran, dass das nächste große Silicon-Valley-Ding die an Menschlichkeit orientierte Technologie sein wird. Technologie, die Menschen stärkt statt sie auszubeuten. Plattformen, die – wie Facebook – die Vernetzung der Menschen unterstützt ohne ihre Daten zu verkaufen, könnten als öffentliches Gut gelten und daher staatliche Finanzunterstützung beziehen. So wie auch Energiegewinnung, Landwirtschaft und andere ökonomische Aktivitäten, die als gesellschaftlich bedeutsam eingestuft werden, Subventionen erhalten.

6 Suchtprävention

Das Design der Plattformen ebenso wie der Gerätschaften, mit denen man die Plattformen ansteuert, sind geradezu dafür ausgelegt, immer mehr zu wollen, süchtig zu werden. Süchtig nach der Anerkennung für einen gelungen Post, ein Foto. Süchtig nach der Aufmerksamkeit, die zahllose hochgehobene Daumen, grinsende Kreise oder rote Herzen scheinbar schenken. Millionen Menschen greifen in der Früh als erstes zum Smartphone. Noch vor dem Gang auf die Toilette, dem Duschen und dem Frühstück. Zunehmend mehr Menschen klagen über Schlafstörungen, weil sie bis spät mit dem Smartphone oder Tablet arbeiten bzw. spielen und nicht zur Ruhe kommen. McNamee sieht die Notwendigkeit von öffentlichen Gesundheitsdienstleistungen, um der Internetabhängigkeit vorzubeugen.

7 Kinder schützen

Für eine zunehmende Anzahl an Kindern ist die stimulierende virtuelle Welt attraktiver als die reale. SMS-Schreiben ersetzt das persönliche Gespräch. Mediziner sprechen alarmiert von einem unbegleiteten psychologischen Experiment und fordern Regulierungen – z. B. Mindestalter für die Nutzung von Smartphones

McNamees Artikel schließt mit dem Aufruf, einerseits das persönliche Internet- und Social-Media-Verhalten kritisch zu hinterfragen und zu verändern, andererseits die Internet-Plattformen für unerwünschte, bedenkliche, gefährliche Nebenwirkungen für Demokratie oder Gesundheit verantwortlich zu machen.

Quellen und links

TIME 28. Jänner 2018: How to fix social media before it is to late

Facebook: Wenn User sich für Kunden halten, 1-sicht vom 12. April 2018

Facebook-Investor sollte Bücher lesen
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Zensur in und durch social media

Das Internet versprach einst ein Mehr an Demokratie. Jede und jeder solle über die gleichen Möglichkeiten verfügen, sich zu informieren und seine Meinung zu äußern. Mittlerweile weiß man, Zensur passiert nach wie vor. Ja die großen Social-Media-Player selbst zensurieren. Und die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung trägt nicht nur zur Demokratisierung der Gesellschaft bei. Auch Hass und Gewaltaufrufe verbreiten sich in Höchstgeschwindigkeit.

Der Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek warnt in der NZZ vom 18.1.2019 vor der unbemerkten Zensur, vor Zensur, die in nicht nachvollziehbarer Weise geschieht. Denn jene, die das Netz unter Kontrolle haben, schränken unsere Freiheit ein. Wohl ist Zensur in Ausnahmefällen gerechtfertigt – zum Beispiel, wenn zu Gewalt aufgerufen wir. Jedoch muss sie in transparenter Weise und mit öffentlicher Begründung vorgenommen werden.

Wie erfolgt Zensur?

Žižek führt unter anderen folgende zwei Beispiele an:

Eine Kindergartenlehrerin in Russland, Jewgenija Tschudnowez, wurde zu sechs Monaten Strafkolonie verurteilt. Ihre Straftat: Sie postete ein 3-Sekunden-Video, das zeigte, wie ein nacktes kleines Kind von Verantwortlichen in einem Sommerlager misshandelt wurde. Die Frau tat dies, um kritisch auf den abscheulichen Vorfall hinzuweisen und diesen anzuklagen. Verurteilt wurde sie mit der Begründung, sie verbreite öffentlich das Bild eines Kindes mit sexuellem Inhalt. Žižek geht davon aus, dass der wahre Grund der Verurteilung ein ganz anderer ist. Nämlich, den Kindesmissbrauch zu verschleiern.

Nun könnte man es sich gemütlich machen und ’nun ja, in Russland‘ sagen. Doch das zweite Beispiel ist eines aus den USA. Facebook entschied, das Bild eines nackten neunjährigen Kindes zu entfernen. Es handelte sich um das Bild ‚Terror of war‘, das das Mädchen Kim Phuc 1972 auf der Flucht vor einem Napalmangriff in Vietnam zeigt. Das Mädchen und seine Brüder und Cousins fliehen laut schreiend, der Fotograf Nick Ut hielt die Szene fest.

Ein Aufschrei der Öffentlichkeit bewog Facebook, das Bild wieder freizuschalten. Der social-media-Konzern im Zitat: “ Während wir anerkennen, dass die Fotografie ikonisch ist, so ist es schwierig, eine Unterscheidung zu treffen und einmal eine Fotografie mit nacktem Kind zuzulassen und andere Male nicht.“ In dieser Logik dürften beispielsweise Filme, die nach der Befreiung der deutschen Konzentrationslager gedreht wurden, in social media nicht gezeigt werden. Die Gefahr der Geschichtsklitterung und des Verschweigens von Missständen wäre immanent.

Für Freiheit im web eintreten

Digitale Netzwerke zählen mittlerweile zu den relevanten Informationsquellen und Beziehungsmedien unserer Gesellschaft. Daher sind sie Machtfaktoren. Kontrolliert werden sie von privaten quasimonopolistischen Firmen und staatlichen Akteuren wie Regierungen und Sicherheitsdiensten, die dank fortschreitender Digitalisierung jede unserer Bewegungen, Vorlieben und Aktivitäten registrieren, nutzen und uns gegebenenfalls manipulieren können. Als Bürgerinnen und Bürger müssen wir den ungleichen Kampf um die Freiheit und Transparenz im web aufnehmen. Žižek zitiert George Orwells Einleitung zu ‚Animal Farm‘: „Wenn Freiheit etwas meint, dann eben das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Diese Freiheit sieht der Philosoph in Gefahr.

Quellen und links

NZZ – Neuer Zürcher Zeitung, Zensur und Redefreiheit: Auch die brutale Wahrheit braucht Schutz; Slavoj Zizek, 18.1.2019

Slavoj Žižek – wikipedia

Zum Fall Jewgenija Tschudnowez – Bundeszentrale für politische Bildung

Foto ‚Terror of war

Über ‚Animal Farm‘ (‚Farm der Tiere‘) – wikipedia

Über Datensammlung im Internet – 1-sicht: Mit dem Ocean Modell im Big Data Ozean fischen

Keine Zensur für Informationen!
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Bosnien – Armut, Abwanderung, Solidarität mit Flüchtlingen

Bosnien ist seit dem Friedensabkommen von Dayton 1995 aufgeteilt in die Föderation Bosnien-Herzegowina mit dem Regierungssitz Sarajewo und die Republika Srpska mit dem Regierungssitz Banja Luka. Alle wichtigen politischen Ämter wurden damals paritätisch mit je einem Vetreter der im Land ansässigen Bevölkerungsgruppen besetzt:

  • muslimische Bosniaken
  • katholische Kroaten
  • orthodoxe Serben

Das Prinzip gilt von den Ministerien bis zu Gemeinderäten und führt dazu, dass Bosnien heute über 14 Parlamente, 136 Minister und drei Präsidenten verfügt. Die Präsidenten wechseln sich in einem Turnus von 8 Monaten im Amt ab. Das Land gilt als unregierbar. Es ist gekennzeichnet von ausufernder Dezentralisierung, Korruption und überdimensionierter Bürokratie.  Die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 40 Prozent. Viele Menschen wandern ab. Vor dem Krieg im Jahr 1991 lebten 4,5 Millionen Menschen in Bosnien, jetzt sind es 3,6 Millionen. In den vergangenen 2 Jahren sollen 80.000 Frauen und Männer ausgewandert sein. (der Freitag, 15. November 2018)

Nun steht Bosnien, wo die meisten Menschen selbst mehr schlecht als recht leben, vor der Herausforderung, eine zunehmende Zahl an geflüchteten Personen aufzunehmen und im Winter zu versorgen. Die Migrationsrouten in Europas Süden verlagern sich nach Westen, da Serbien, Ungarn, Kroatien keine Vertriebenen ins Land lassen. In Bosnien wurden 2017 weniger als 1.000 Flüchtlinge gezählt, seit Jänner 2018 sind es 20.000. Die Menschen kommen aus Syrien, dem Irak, Pakistan, Afghanistan und Südafrika. 4.000 etwa sind derzeit im Land, die meisten im Nordwesten in den Städten Bihac und Velika Kladusa, 2 Kilometer von Kroatiens Grenze entfernt.

In Bihac hausen 1.000 im Borici, vor dem Krieg ein Internat für Studentinnen und Studenten, das derzeit winterfest gemacht wird.  Stadt und Rotes Kreuz richten in einer ehemaligen Lagerhalle ein Camp mit Betten, Duschen, Toiletten und Strom für 600 Personen ein.

In Velika Kladusa leben die Menschen in einem verlassenen Hangar  oder in einem Camp ohne Elektrizität, mit mäßig funktionierenden Wasserleitungen.  Niemand fühlt sich zuständig. Hilfe kommt von den Organisationen Ärzte ohne Grenzen und dem Roten Kreuz. Und von den Einheimischen.

Solidarität mit den Vertriebenen

Die Bevölkerung Bosniens ist trotz der eigenen Armut hilfsbereit und hat bisher den nationalistischen Tönen insbesondere des Führers der bosnischen Serben, Milorad Dodik, widerstanden. Dodik behauptet, die Zentralregierung in Sarajevo heiße Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten nur deshalb willkommen, damit Bosnien und Herzegowina ein muslimisches Land wird.

Amira Hadzimehmedovic von IOM hält die eigene Geschichte der bosnischen Menschen für den Grund ihrer Solidarität. Auch sie fühlten sich einst von der Welt vergessen, als sie Krieg, Flucht und Armut erlebten.

Quellen und links

Flucht kennen sie hier; Klaus Petrus; der Freitag, Nr. 46, 15. November 2018

Internationale Organisation für Migration, IOM: wikipedia

über Bosnien & Herzegowina auf wikipedia

über Republika Srpska auf wikipedia

über Bihac auf wikipedia

über Velika Kladusa auf wikipedia

Literatur über Bosnien: Leseempfehlung auf 1-sicht

Lesen und lesen lassen, das ist Solidarität
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Von redenden Frisuren und einem Medienclown

Wenn sich die Politik zunehmend an den Kategorien des Unterhaltungsbusiness orientiert, wird irgendwann der größte Medienclown zum Präsidenten. Diese These liegt dem Buch ‚Wir amüsieren uns zu Tode‘ des Medienwissenschafters Neil Postman (1931 – 2003) zugrunde. Der Professor an der New York University veröffentlichte es 1985. Ein Artikel in der New York Times im Februar 1983, der vom mangelnden Interesse der BürgerInnen an den falschen Behauptungen des Präsidenten berichtete, lieferte einen Anstoß zu diesem Werk. Ronald Reagan war damals Präsident der Vereinigten Staaten. (NZZ, 26.10.2018)

Die NZZ zitiert aus dem Artikel:

„Die Reporter, die über das Weisse Haus berichten, sind willens und imstande, Lügen blosszustellen, und schaffen so die Grundlage für informierte und entrüstete Meinungsäußerungen. Aber die Öffentlichkeit lehnt es offenbar dankend ab, sich dafür zu interessieren.“

Das Feld für den Medienclown

Postmans Befund

a) Wahrheit könne im ‚Zeitalter des Showbusiness‘ in einem ‚Meer von Belanglosigkeiten‘ untergehen.

b) Die ‚Guck-guck-Welt‘ der Medien fragmentiere die Aufmerksamkeit

c) Frei umherwirbelnde Informationskonfetti steigerten die Chancen effektiver Desinformation, denn man lebe im Bann einer permanenten Gegenwart.

d) In einer solchen Welt seien Politiker kaum mehr als eine Truppe von ‚redenden Frisuren‘, die nach ihrem Spaß- und Krawallfaktor beurteilt würden.

e) Der Rausch der Bilder präge das politische Geschäft allmählich in Richtung eines bloß unterhaltenden Spektakels.

(NZZ, 26.10.18)

Postmans Erklärung

Mit der von ihm entwickelten Theoriedisziplin ‚Medienökologie‘ lassen sich diese Phänomene erklären.

Medien bilden eine oft unsichtbare, tief im täglichen Leben verankerte und daher natürlich wirkende Kommunikationsumwelt. Die Ausbreitung eines neuen Mediums ist daher nicht additiv, sondern ökologisch, das heißt Resultat systemischer Wechselwirkungen. Alle Bereiche des Lebens werden auf schwer fassliche Weise verändert. Bisher Unsichtbares wird sichtbar, bisher Privates öffentlich. Die Symbole, mit denen wir uns austauschen, ändern sich ebenso wie das Wesen von Gemeinschaften, die Arena, in der wir Debatten führen.

Im Gegensatz zum berühmten Mantra des kanadischen Kommunikationstheoretikers Marshall McLuhan ‚Das Medium ist die Botschaft‘, sind nach Postman, der vor der Verbreitung der sogenannten sozialen Medien starb, Medien nicht Botschaften sondern Metaphern, die ‚ebenso unaufdringlich wie machtvoll ihre spezifischen Realitätsdefinitionen stillschweigend durchsetzen. Ob wir die Welt durch das Objektiv der gesprochenen Sprache oder des gedruckten Wortes oder der Fernsehkamera wahrnehmen – unsere Medien-Metaphern gliedern die Welt für uns, bringen sie in eine zeitliche Abfolge, vergrößern sie, verkleinern sie, färben sie ein und explizieren eine bestimmte Deutung der Beschaffenheit der Wirklichkeit.‘ (NZZ, 26.10.18)

Quellen und links

Irgendwann wird der grösste Medienclown zum Präsidenten: Der Medienwissenschafter Neil Postman hat schon vor mehr als 30 Jahren einen Donald Trump vorhergesagt, NZZ, 26.10.2018

über Neil Postman auf wikipedia

über Marshall McLuhan auf wikipedia

lieber lesen als Medienclown sein
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Nadia Murad – Friedensnobelpreis 2018

Der Friedensnobelpreis 2018 wird an Nadia Murad (Irak) und Denis Mukwege (Kongo) verliehen. Aus diesem Anlass wiederholt 1-sicht einen Beitrag aus dem Jahr 2016 über die irakische Jesidin Nadia Murad- ergänzt um links zu aktuellen Berichten über Murad und Mukwege, die den Preis für ihren jeweiligen Kampf gegen sexuelle Gewalt erhalten haben. Beide wurden auch bereits mit dem Sacharow-Preis („EU-Menschenrechtspreis“) ausgezeichnet; Denis Mukwege 2014, Nadia Murad 2016.

Nadia Murad – eine der 100 einflussreichsten Personen

1-sicht vom 9. Mai 2016

Alljährlich kürt das Magazin TIME die seiner Einschätzung nach einflussreichsten Persönlichkeiten – dieses Jahr veröffentlicht in der Ausgabe vom 2. – 9. Mai 2016. Ernannt sind Frauen und Männer in den Kategorien

  • Pioniere
  • Titanen
  • Künstler
  • Führungspersönlichkeiten
  • Ikonen

Die jeweils Erstgenannten sind

  • Pioniere: Lin-Manuel Miranda, 36 Jahre, Broadway Star.
  • Titanen: Priscilla Chan und Mark Zuckerberg, beide 31 Jahre, Philantropen
  • Künstler: Priyanka Chopra, 33, Schauspielerin
  • Führungspersönlichkeiten: Christine Lagard, 61 Jahre, IWF
  • Ikonen: Leonardo Dicaprio, 41 Jahre, Schauspieler und Umweltschützer

Nadia Murad – eine Zeugin der Kriegsgräuel in Syrien

Nadia Murad ist in der Kategorie Pioniere genannt.  Die Angehörige der Jesiden   hat trotz ihrer erst 23 Jahre eine unvorstellbare Leidensgeschichte als mehrfaches Opfer des Kriegsgeschehens in Syrien erlebt. Mit 19 Jahren verlor sie ihr Zuhause, ihr Land, ihre Kultur. Ihre Mutter wurde ermordet und sie musste mit ansehen, wie männliche Verwandte umgebracht wurden. Sie selbst wurde entführt, verkauft und ungezählte Male von ISIS-Mitgliedern vergewaltigt.

Nun reist sie um die Welt, um diese auf den Genozid, der an ihrem Volk begangen wurde und begangen wird, aufmerksam zu machen. 3000 Jesidinnen sind immer noch in Gefangenschaft der ISIS.

2015 sprach Murad in New York im Rahmen des ersten Treffen des UN Sicherheitsrates betreffend Menschenhandel und erzählte ihre persönliche Geschichte.

Nun, da Europa seine Grenzen gegenüber terrorisierten Flüchtlingen schließt und auch die USA sich abwendet – vergessend, dass es der US-geführte Krieg im Irak war, der ISIS groß machte; dass es zurückgelassene US-Waffen sind, die in die Hand von ISIS gelangten – zählt Nadia Murad zu den wichtigen Stimmen, die auf die Verantwortung der Welt gegenüber dem jesidischen Volk aufmerksam machen.

Quellen und links

TIME, 2.-9 Mai 2016; Der   Beitrag „Nadia Murad: A witness for war’s victims“ ist von Eve Ensler, Dramatikerin und Schriftstellerin, und hier in zusammengefasster Übersetzung wiedergegeben.

Über Jesiden auf wikipedia

Über Sklaverei auf 1-sicht

Über Eve Ensler auf wikipedia

„Friedensnobelpreis 2018: Nadia Murad und Denis Mukwege – was Sie über die beiden wissen müssen“; Spiegel online, 5.10.2018

„Ich empfand gar nichts mehr. Die Frau, die dem IS entkam.“; Spiegel online, 28.10.2017

Sacharow-Preis, wikipedia

über den Friedensnobelpreis lesen
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Über unsere Unfähigkeit, im Internet wahr von falsch zu unterscheiden

Wieso gelingt es selbst den Klügsten unter uns nicht immer, richtig zu beurteilen, welche Nachricht, welche Information in der Online-Welt Vertrauen verdient und welche nicht? Das Magazin TIME geht in seiner Ausgabe vom 20. August 2018 ausführlich der Frage nach.

Nicht ausgebildet fürs Internet

Ein Experiment an der Stanford University unter der Leitung des Psychologen Sam Wineburg fand heraus, dass Amerikaner/innen jeden Alters und unabhängig vom Intelligenzquotienten,  nicht die relevanten Fragen stellen, wenn sie sich einer Online-Suchmaschine bedienen und deren Ergebnisse nutzen. Eine weitere Studie zeigte, dass viele links geteilt/retweetet werden, ohne dass deren Inhalte gelesen werden. David Rand, Hirnforscher am MIT erhob, dass man im Durchschnitt zumindest zu 20% falschen Nachrichten traut.

Expert(inn)en sehen in unserer Unfähigkeit, wahre von falschen Nachrichten zu unterscheiden, eine Gefahr für demokratische Prozesse und für die gesellschaftliche Entwicklung. Was ist die Folge davon, dass wir zum Beispiel im Vorfeld von Wahlen Nachrichtenflüssen aus Quellen ausgesetzt sind, deren Absender und dessen Intentionen wir nicht kennen. Was, wenn Eltern falschen medizinischen ‚Informationen‘ vertrauen und ihr Baby falsch behandeln? Oder wenn, wie in Indien geschehen, Gerüchte über eine Kindesentführung, die sich auf einem mobilen Nachrichtendienst verbreiteten, dazu führten, dass die aufgebrachte Menge unschuldige Menschen zu Tode prügelte?

Die führenden Unternehmen der social-media-Branche stehen mittlerweile unter dem Druck, auf ihren Plattformen dafür zu sorgen, dass keine falschen Nachrichten Verbreitung finden. Das ist leichter gesagt als getan. Maschinen und Algorithmen kann man den Unterschied zwischen wahr und falsch nicht beibringen, wenn ihn schon die Menschen nicht immer erkennen. Und in Amerika ist die freie Rede ein besonders hohes Gut. Jeder Akt, der nach Zensur aussehen könnte, ruft sofort massiven Widerstand hervor.

Den eigenen Impulsen auf den Grund gehen

Der Psychologe Wineburg setzt auf die Lernfähigkeit der Menschen, auf uns Leserinnen und Leser. Je besser wir einerseits die digitale Welt und das Internet und andererseits unsere Denk- und Reaktionsweisen verstehen, desto eher wird es uns gelingen, Lügen als solche zu entlarven.

Oft lassen wir uns schlicht und einfach von den falschen Impulsen lenken. Wir haben das Gefühl, die Zeit ist zu knapp, um ganze Artikel zu lesen und teilen daher rasch den link mit der attraktiven Überschrift. Als soziale Wesen sind wir süchtig nach Anerkennung und Zuspruch, die wir in der online-Welt mittels Daumen-hoch- oder Lächel-Bildchen rasch und von vielen erhalten. Da lohnt es sich, Geschichten auch dann zu teilen, wenn sie einem nicht ganz geheuer erscheinen.  Und in einer unübersichtlichen Welt sehnen wir uns nach einfachen Antworten.

Vertrautes schafft Vertrauen

Wir Menschen schätzen unser Selbstbild als Verstandeswesen. Doch die Psychologie rückt das zurecht. Meist sind wir von emotionalem und irrationalem Denken gesteuert. Um den Alltag zu bewältigen, bedient sich unser Gehirn von uns unbemerkt heuristischer Prinzipien, wie zum Beispiel dem, Vertrautes vorzuziehen. Hat uns ein Joghurt einmal geschmeckt und gut getan, greifen wir gerne vertrauensvoll wieder zur gleichen Marke. So ersparen wir es uns, bei jedem Joghurtkauf einen Entscheidungsprozess zu durchlaufen.

Dieses Prinzip, Vertrautes als vertrauenswürdig anzusehen, kann im Internet auf falsche Fährten führen.  Die Forschungen von David Rand am MIT zeigen: Allein die Tatsache, dass man eine Nachricht schon einmal gesehen hat, führt dazu, dieser mehr Glaubwürdigkeit zu schenken, als einer noch nie gesehenen. Das passiert unbewusst. Propagandisten aller Zeiten wussten davon. Doch noch nie war es so einfach wie heute, Nachrichten und daher auch falsche Geschichten zu reproduzieren. Auch die Weiterleitung einer Nachricht mit dem begleitenden Aufschrei ‚Lüge‘ kann das Gegenteil von dem bewirken, was intendiert war. Die Nachricht sinkt ins kollektive Bewusstsein. Dass es sich um eine Lüge handelt, bleibt draußen.

Den wahren Nachrichten auf die Spur kommen

Facebook spielte mit dem Gedanken, die von seinem Faktenchecker-Team als falsch erkannte Posts mit einem Fähnchen zu versehen. Damit wäre der freien Rede Genüge getan und dem Anspruch, der Verbreitung von Lügen Einhalt zu gebieten. Man kam davon ab, denn es gilt zu befürchten, dass alle nicht mit Fähnchen versehenen Informationen  dann unhinterfragt als wahr gelten. Was nicht der Fall sein muss.

Zielführender ist es, den Menschen beizubringen, wie sie die Unterscheidung zwischen wahr und falsch jeweils selbst treffen können. Wer das Folgende im Kopf behält, ist den wahren Nachrichten schon einen Schritt näher gekommen:

  1. Was in der auf Papier gedruckten Nachrichtenwelt für Glaubwürdigkeit bürgt, zum Beispiel eine Vielzahl von Fußnoten und Zitaten in einem Fachartikel, tut dies nicht zwingend auch im Internet, wo Profis und Laien Aussagen veröffentlichen können.
  2. Veröffentlichungen von professionellen Journalist/innen stehen im selben Medium wie die Geburtstagsgrüße zwischen 16-jährigen. Die Unterscheidung zwischen relevant und weniger relevant wird nicht mehr durch das Medium an sich geleistet. Die muss man selbst tun.
  3. Emotionale und sachliche Inhalte sehen gleich aus und sind gut gemischt. Unser Hirn muss sich extra anstrengen, um die unterschiedlichen Typen von Informationen auseinander zuhalten, erklärt Claire Wardle, Forscherin in Harvard.
  4. Die Reihung der Suchmaschinenergebnisse spiegeln die Passgenauigkeit zwischen Suchanfrage und Schlüsselwörtern  wieder, nicht den Wahrheitsgehalt eines Textes.
  5. Unser Gehirn traut Bildern. Doch mittlerweile ist Bildern nicht mehr zu trauen. Sie können manipuliert werden. Oder sie stehen in falschem Zusammenhang.
  6. Auf Twitter gilt vielen die Zahl der follower als Indiz für Glaubwürdigkeit. Doch viele follower werden bezahlt. Und etwa 10% sind bots, also künstliche user.
  7. Wineburg fand heraus, dass Merkmale wie Seitenadressen (URLs) und Grafikdesign auf die Glaubwürdigkeit Einfluss haben. Beides ist jedoch leicht manipulierbar.
  8. Der Mensch mag Nachrichten, die das eigene Weltbild bestätigen. Teilt und retweetet man ständig innerhalb derselben Gemeinschaft, engt das den Fokus ein.
  9. Gemäß einer Studie werden 6 von 10 links retweeted, ohne dass der eigentliche Artikel gelesen wird. Man verlässt sich auf den Kommentar jemandes anderen.
  10. Lügengeschichten verbreiten sich auf dem Kurznachrichtendienst 6 Mal schneller als Tatsachenberichte. Offensichtlich liegt das daran, dass Lügen stärker Überraschung oder auch Ekel auslösen. Falsche Nachrichten wirken oft etwas seltsam. Diese Eigenschaft ist der Grund dafür, dass sie starke Verbreitung im Internet finden. Und genau diese Eigenschaft könnte sie, bei einem kurzen Moment des Innehaltens, als das entlarven, was sie sind.

Inhalte prüfen

Facebook hat mittlerweile tausende Personen angeheuert, die Inhalte prüfen und Lüge von Wahrheit unterscheiden sollen. Doch die Anzahl der Veröffentlichungen übersteigen die Prüfkapazitäten. Der Hirnforscher Rand geht davon aus, dass eine Temporeduktion in der social-Media-Welt zu einer Fehlerreduktion führt.

Die Chance, Lügen im Internet zu entlarven, steigt, wenn man

  • Tempo reduziert
  • bei Suchmaschinenergebnissen zumindest die Ergebnisse der ersten beiden Seiten ansieht und erst dann die Wahl trifft, welchen link man öffnet
  • sich ein Bild macht, wer hinter der website, dem Post, dem Tweet steht
  • die Texte selbst liest und darüber nachdenkt

Das klingt ein wenig banal. Doch scheinbar muss es dem digitalen Menschen beigebracht werden. Sowohl dem, der nicht mit dieser Form von Kommunikation und Nachrichtenkonsum groß geworden ist, als auch dem, der damit groß wird.

Quellen und links

Magazin TIME, 20. August 2018, The real fake news crisis, Katy Steinmetz

NZZ, 17. September 2018, Gegen Cyberkriminalität hilft gesunder Menschenverstand

im Buch statt im Internet lesen
1-sicht meint: Lesen nährt den Verstand

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Klimaanlagen-Dilemma: sie kühlen uns und heizen das Weltklima an

Lang anhaltende Hitze und Trockenheit machen Mitteleuropa im Sommer 2018 zu schaffen. Von Ernteausfällen, Getreideknappheit und Futterengpässen für die Tiere wird berichtet und davor gewarnt, dass die große Hitze für obdachlose Menschen genauso gefährlich ist wie Winterkälte, da sie keine Möglichkeiten zur Kühlung und Regeneration haben. TIME berichtet in der Ausgabe vom 30. Juli 2018 von schmelzenden Straßen in Großbritannien, von Hitzerekorden von rund 40 Grad Celsius in Kalifornien und von über 70 Hitzetoten in Quebec/Kanada. Doch möglicherweise ist dieser Sommer Vorbote für zukünftige. „Wir erleben einen Hitzesommer, wie er bald zur Norm werden könnte“, mutmaßt beispielsweise Christian Speicher in der NZZ vom 4.8.2018. Was bedeutet das für die Menschen?

Die Organisation Sustainable Energy for All, die mit UN und Weltbank in Verbindung steht, geht davon aus, dass 1, 1 Milliarden Menschen weltweit keine Möglichkeit zu adäquater Kühlung haben. Die Internationale Energie Agentur (IEA) zeigt in einer Analyse vom Mai, dass nur 8% der Menschen in den heißesten Regionen der Erde über Klimaanlagen verfügen, hingegen über 90% der Menschen in den USA und Japan.

Klimaanlagen – vom Luxus zur Notwendigkeit

Große Hitze belastet den Körper und kann in extremen Fällen zu Organversagen führen. Die Zahl der Personen, die aufgrund von Hitze sterben, kann gemäß Weltgesundheitsorganisation (WHO) in 2050 über 250.000 betragen. Und Sustainable Energy for All geht davon aus, dass die Produktivität sinken wird, in besonders heißen Regionen wie Teilen Asiens und Afrikas um bis zu 12%. Dazu kommt, dass mangelnde Kühlmöglichkeiten die Ernährungssicherheit gefährdet und die Aufbewahrung von Medikamenten erschwert.

Kühlung durch Klimaanlagen wird in immer mehr Regionen der Welt vom Luxus zur Überlebensnotwendigkeit. Die wachsende Mittelschicht in den sogenannten Entwicklungsländern investiert in Klimananlagen. Für Personen, die diese Möglichkeit nicht haben, werden seitens der Regierung Einrichtungen zur Verfügung gestellt, in denen man sich abkühlen und regenerieren kann.

Klimaanlagen forcieren Klimaerwärmung

Dumm nur, dass der Betrieb der Klimaanlagen sehr energieintensiv ist. Insbesondere in Entwicklungsländern, wo Energie hauptsächlich aus fossilen Quellen genutzt wird, tragen Klimaanlagen massiv zur Klimaerwärmung bei. IEA schätzt, dass im Jahr 2050 die Kühlung von Räumen soviel Energie verbrauchen wird, wie aktuell China für seine komplette Elektrizität. Kühlung ist, laut UN-Umweltprogramm, wahrscheinlich für den größten Anteil des Energieverbrauchs verantwortlich.

Abgesehen davon geben Klimaanlagen klimaschädliche Fluorkohlenwasserstoffe ab. Bis zum Ende dieses Jahrzehntes könnten allein die Emissionen die Erderwärmung um 0,3 Grad Celsius anheizen, sagen Wissenschafter voraus. Das wäre ein beträchtlicher Anstieg im Hinblick auf das Klimaziel, auf das sich die Weltgemeinschaft auf der Klimakonferenz in Paris in 2015 verständigt hat: Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C, möglichst 1,5 °C im Vergleich zu vorindustriellen Levels. Das Kigali Cooling Efficiency Programm sieht daher auch vor, Klimaanlagen ohne Fluorkohlenwasserstoffe zu entwickeln. 197 Nationen verpflichteten sich zur Reduktion dieser Treibhausgase in Kühlgeräten und Klimaanlagen von über 80% in den kommenden 30 Jahren.

Quellen und links

ohne Klimaanlagen lesen ist schön
1-sicht meint: Lesen nährt den Verstand

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