Zensur in und durch social media

Das Internet versprach einst ein Mehr an Demokratie. Jede und jeder solle über die gleichen Möglichkeiten verfügen, sich zu informieren und seine Meinung zu äußern. Mittlerweile weiß man, Zensur passiert nach wie vor. Ja die großen Social-Media-Player selbst zensurieren. Und die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung trägt nicht nur zur Demokratisierung der Gesellschaft bei. Auch Hass und Gewaltaufrufe verbreiten sich in Höchstgeschwindigkeit.

Der Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek warnt in der NZZ vom 18.1.2019 vor der unbemerkten Zensur, vor Zensur, die in nicht nachvollziehbarer Weise geschieht. Denn jene, die das Netz unter Kontrolle haben, schränken unsere Freiheit ein. Wohl ist Zensur in Ausnahmefällen gerechtfertigt – zum Beispiel, wenn zu Gewalt aufgerufen wir. Jedoch muss sie in transparenter Weise und mit öffentlicher Begründung vorgenommen werden.

Wie erfolgt Zensur?

Žižek führt unter anderen folgende zwei Beispiele an:

Eine Kindergartenlehrerin in Russland, Jewgenija Tschudnowez, wurde zu sechs Monaten Strafkolonie verurteilt. Ihre Straftat: Sie postete ein 3-Sekunden-Video, das zeigte, wie ein nacktes kleines Kind von Verantwortlichen in einem Sommerlager misshandelt wurde. Die Frau tat dies, um kritisch auf den abscheulichen Vorfall hinzuweisen und diesen anzuklagen. Verurteilt wurde sie mit der Begründung, sie verbreite öffentlich das Bild eines Kindes mit sexuellem Inhalt. Žižek geht davon aus, dass der wahre Grund der Verurteilung ein ganz anderer ist. Nämlich, den Kindesmissbrauch zu verschleiern.

Nun könnte man es sich gemütlich machen und ’nun ja, in Russland‘ sagen. Doch das zweite Beispiel ist eines aus den USA. Facebook entschied, das Bild eines nackten neunjährigen Kindes zu entfernen. Es handelte sich um das Bild ‚Terror of war‘, das das Mädchen Kim Phuc 1972 auf der Flucht vor einem Napalmangriff in Vietnam zeigt. Das Mädchen und seine Brüder und Cousins fliehen laut schreiend, der Fotograf Nick Ut hielt die Szene fest.

Ein Aufschrei der Öffentlichkeit bewog Facebook, das Bild wieder freizuschalten. Der social-media-Konzern im Zitat: “ Während wir anerkennen, dass die Fotografie ikonisch ist, so ist es schwierig, eine Unterscheidung zu treffen und einmal eine Fotografie mit nacktem Kind zuzulassen und andere Male nicht.“ In dieser Logik dürften beispielsweise Filme, die nach der Befreiung der deutschen Konzentrationslager gedreht wurden, in social media nicht gezeigt werden. Die Gefahr der Geschichtsklitterung und des Verschweigens von Missständen wäre immanent.

Für Freiheit im web eintreten

Digitale Netzwerke zählen mittlerweile zu den relevanten Informationsquellen und Beziehungsmedien unserer Gesellschaft. Daher sind sie Machtfaktoren. Kontrolliert werden sie von privaten quasimonopolistischen Firmen und staatlichen Akteuren wie Regierungen und Sicherheitsdiensten, die dank fortschreitender Digitalisierung jede unserer Bewegungen, Vorlieben und Aktivitäten registrieren, nutzen und uns gegebenenfalls manipulieren können. Als Bürgerinnen und Bürger müssen wir den ungleichen Kampf um die Freiheit und Transparenz im web aufnehmen. Žižek zitiert George Orwells Einleitung zu ‚Animal Farm‘: „Wenn Freiheit etwas meint, dann eben das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Diese Freiheit sieht der Philosoph in Gefahr.

Quellen und links

NZZ – Neuer Zürcher Zeitung, Zensur und Redefreiheit: Auch die brutale Wahrheit braucht Schutz; Slavoj Zizek, 18.1.2019

Slavoj Žižek – wikipedia

Zum Fall Jewgenija Tschudnowez – Bundeszentrale für politische Bildung

Foto ‚Terror of war

Über ‚Animal Farm‘ (‚Farm der Tiere‘) – wikipedia

Über Datensammlung im Internet – 1-sicht: Mit dem Ocean Modell im Big Data Ozean fischen

Keine Zensur für Informationen!
1-sicht meint: Lesen nährt den Verstand
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Über unsere Unfähigkeit, im Internet wahr von falsch zu unterscheiden

Wieso gelingt es selbst den Klügsten unter uns nicht immer, richtig zu beurteilen, welche Nachricht, welche Information in der Online-Welt Vertrauen verdient und welche nicht? Das Magazin TIME geht in seiner Ausgabe vom 20. August 2018 ausführlich der Frage nach.

Nicht ausgebildet fürs Internet

Ein Experiment an der Stanford University unter der Leitung des Psychologen Sam Wineburg fand heraus, dass Amerikaner/innen jeden Alters und unabhängig vom Intelligenzquotienten,  nicht die relevanten Fragen stellen, wenn sie sich einer Online-Suchmaschine bedienen und deren Ergebnisse nutzen. Eine weitere Studie zeigte, dass viele links geteilt/retweetet werden, ohne dass deren Inhalte gelesen werden. David Rand, Hirnforscher am MIT erhob, dass man im Durchschnitt zumindest zu 20% falschen Nachrichten traut.

Expert(inn)en sehen in unserer Unfähigkeit, wahre von falschen Nachrichten zu unterscheiden, eine Gefahr für demokratische Prozesse und für die gesellschaftliche Entwicklung. Was ist die Folge davon, dass wir zum Beispiel im Vorfeld von Wahlen Nachrichtenflüssen aus Quellen ausgesetzt sind, deren Absender und dessen Intentionen wir nicht kennen. Was, wenn Eltern falschen medizinischen ‚Informationen‘ vertrauen und ihr Baby falsch behandeln? Oder wenn, wie in Indien geschehen, Gerüchte über eine Kindesentführung, die sich auf einem mobilen Nachrichtendienst verbreiteten, dazu führten, dass die aufgebrachte Menge unschuldige Menschen zu Tode prügelte?

Die führenden Unternehmen der social-media-Branche stehen mittlerweile unter dem Druck, auf ihren Plattformen dafür zu sorgen, dass keine falschen Nachrichten Verbreitung finden. Das ist leichter gesagt als getan. Maschinen und Algorithmen kann man den Unterschied zwischen wahr und falsch nicht beibringen, wenn ihn schon die Menschen nicht immer erkennen. Und in Amerika ist die freie Rede ein besonders hohes Gut. Jeder Akt, der nach Zensur aussehen könnte, ruft sofort massiven Widerstand hervor.

Den eigenen Impulsen auf den Grund gehen

Der Psychologe Wineburg setzt auf die Lernfähigkeit der Menschen, auf uns Leserinnen und Leser. Je besser wir einerseits die digitale Welt und das Internet und andererseits unsere Denk- und Reaktionsweisen verstehen, desto eher wird es uns gelingen, Lügen als solche zu entlarven.

Oft lassen wir uns schlicht und einfach von den falschen Impulsen lenken. Wir haben das Gefühl, die Zeit ist zu knapp, um ganze Artikel zu lesen und teilen daher rasch den link mit der attraktiven Überschrift. Als soziale Wesen sind wir süchtig nach Anerkennung und Zuspruch, die wir in der online-Welt mittels Daumen-hoch- oder Lächel-Bildchen rasch und von vielen erhalten. Da lohnt es sich, Geschichten auch dann zu teilen, wenn sie einem nicht ganz geheuer erscheinen.  Und in einer unübersichtlichen Welt sehnen wir uns nach einfachen Antworten.

Vertrautes schafft Vertrauen

Wir Menschen schätzen unser Selbstbild als Verstandeswesen. Doch die Psychologie rückt das zurecht. Meist sind wir von emotionalem und irrationalem Denken gesteuert. Um den Alltag zu bewältigen, bedient sich unser Gehirn von uns unbemerkt heuristischer Prinzipien, wie zum Beispiel dem, Vertrautes vorzuziehen. Hat uns ein Joghurt einmal geschmeckt und gut getan, greifen wir gerne vertrauensvoll wieder zur gleichen Marke. So ersparen wir es uns, bei jedem Joghurtkauf einen Entscheidungsprozess zu durchlaufen.

Dieses Prinzip, Vertrautes als vertrauenswürdig anzusehen, kann im Internet auf falsche Fährten führen.  Die Forschungen von David Rand am MIT zeigen: Allein die Tatsache, dass man eine Nachricht schon einmal gesehen hat, führt dazu, dieser mehr Glaubwürdigkeit zu schenken, als einer noch nie gesehenen. Das passiert unbewusst. Propagandisten aller Zeiten wussten davon. Doch noch nie war es so einfach wie heute, Nachrichten und daher auch falsche Geschichten zu reproduzieren. Auch die Weiterleitung einer Nachricht mit dem begleitenden Aufschrei ‚Lüge‘ kann das Gegenteil von dem bewirken, was intendiert war. Die Nachricht sinkt ins kollektive Bewusstsein. Dass es sich um eine Lüge handelt, bleibt draußen.

Den wahren Nachrichten auf die Spur kommen

Facebook spielte mit dem Gedanken, die von seinem Faktenchecker-Team als falsch erkannte Posts mit einem Fähnchen zu versehen. Damit wäre der freien Rede Genüge getan und dem Anspruch, der Verbreitung von Lügen Einhalt zu gebieten. Man kam davon ab, denn es gilt zu befürchten, dass alle nicht mit Fähnchen versehenen Informationen  dann unhinterfragt als wahr gelten. Was nicht der Fall sein muss.

Zielführender ist es, den Menschen beizubringen, wie sie die Unterscheidung zwischen wahr und falsch jeweils selbst treffen können. Wer das Folgende im Kopf behält, ist den wahren Nachrichten schon einen Schritt näher gekommen:

  1. Was in der auf Papier gedruckten Nachrichtenwelt für Glaubwürdigkeit bürgt, zum Beispiel eine Vielzahl von Fußnoten und Zitaten in einem Fachartikel, tut dies nicht zwingend auch im Internet, wo Profis und Laien Aussagen veröffentlichen können.
  2. Veröffentlichungen von professionellen Journalist/innen stehen im selben Medium wie die Geburtstagsgrüße zwischen 16-jährigen. Die Unterscheidung zwischen relevant und weniger relevant wird nicht mehr durch das Medium an sich geleistet. Die muss man selbst tun.
  3. Emotionale und sachliche Inhalte sehen gleich aus und sind gut gemischt. Unser Hirn muss sich extra anstrengen, um die unterschiedlichen Typen von Informationen auseinander zuhalten, erklärt Claire Wardle, Forscherin in Harvard.
  4. Die Reihung der Suchmaschinenergebnisse spiegeln die Passgenauigkeit zwischen Suchanfrage und Schlüsselwörtern  wieder, nicht den Wahrheitsgehalt eines Textes.
  5. Unser Gehirn traut Bildern. Doch mittlerweile ist Bildern nicht mehr zu trauen. Sie können manipuliert werden. Oder sie stehen in falschem Zusammenhang.
  6. Auf Twitter gilt vielen die Zahl der follower als Indiz für Glaubwürdigkeit. Doch viele follower werden bezahlt. Und etwa 10% sind bots, also künstliche user.
  7. Wineburg fand heraus, dass Merkmale wie Seitenadressen (URLs) und Grafikdesign auf die Glaubwürdigkeit Einfluss haben. Beides ist jedoch leicht manipulierbar.
  8. Der Mensch mag Nachrichten, die das eigene Weltbild bestätigen. Teilt und retweetet man ständig innerhalb derselben Gemeinschaft, engt das den Fokus ein.
  9. Gemäß einer Studie werden 6 von 10 links retweeted, ohne dass der eigentliche Artikel gelesen wird. Man verlässt sich auf den Kommentar jemandes anderen.
  10. Lügengeschichten verbreiten sich auf dem Kurznachrichtendienst 6 Mal schneller als Tatsachenberichte. Offensichtlich liegt das daran, dass Lügen stärker Überraschung oder auch Ekel auslösen. Falsche Nachrichten wirken oft etwas seltsam. Diese Eigenschaft ist der Grund dafür, dass sie starke Verbreitung im Internet finden. Und genau diese Eigenschaft könnte sie, bei einem kurzen Moment des Innehaltens, als das entlarven, was sie sind.

Inhalte prüfen

Facebook hat mittlerweile tausende Personen angeheuert, die Inhalte prüfen und Lüge von Wahrheit unterscheiden sollen. Doch die Anzahl der Veröffentlichungen übersteigen die Prüfkapazitäten. Der Hirnforscher Rand geht davon aus, dass eine Temporeduktion in der social-Media-Welt zu einer Fehlerreduktion führt.

Die Chance, Lügen im Internet zu entlarven, steigt, wenn man

  • Tempo reduziert
  • bei Suchmaschinenergebnissen zumindest die Ergebnisse der ersten beiden Seiten ansieht und erst dann die Wahl trifft, welchen link man öffnet
  • sich ein Bild macht, wer hinter der website, dem Post, dem Tweet steht
  • die Texte selbst liest und darüber nachdenkt

Das klingt ein wenig banal. Doch scheinbar muss es dem digitalen Menschen beigebracht werden. Sowohl dem, der nicht mit dieser Form von Kommunikation und Nachrichtenkonsum groß geworden ist, als auch dem, der damit groß wird.

Quellen und links

Magazin TIME, 20. August 2018, The real fake news crisis, Katy Steinmetz

NZZ, 17. September 2018, Gegen Cyberkriminalität hilft gesunder Menschenverstand

im Buch statt im Internet lesen
1-sicht meint: Lesen nährt den Verstand

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