Auf der Flucht

Am Morgen des 15. März.
“ Der Himmel war glasgrün und wolkenlos, die Sonne flimmerte auf dem Firnschnee, als der Zug die Schweizer Grenze passierte.“

Was wie der Beginn eines Urlaubsberichtes klingt, ist das kurze Aufatmen eines Menschen auf der Flucht. Er flieht vor den neuen Machthabern seines Heimatlandes Deutschland. Sie verbieten es ihm, seinen Beruf auszuüben, weil er von ‚falscher Rasse‘ ist. Er flieht aus seinem neuen Wohnort Wien, weil er fürchten muss, aus dem nämlichen Grund verhaftet zu werden und weil man seine Wohnung plündert.

In Wien war er in den Direktzug nach Zürich eingestiegen. In Innsbruck muss er auf Befehl eines Kontrollors aussteigen, weil in seinem Pass ‚Schriftsteller‘ als Berufsbezeichnung vermerkt ist. Im Polizeigebäude erteilt man ihm Sprechverbot. Er muss stundenlang warten, bevor er weiterfahren darf.

Im Grenzbahnhof Feldkirchen müssen er und alle Reisenden aussteigen. Ihr Gepäck wird von Beamten auf Geld- und Wertgegenstände untersucht. Sie dürfen höchstens 20 Schilling oder 10 Mark mitnehmen, Juden müssen ihre Wertgegenstände zurücklassen. Sie müssen sich einer Leibesvisitation unterziehen.

Die Orden an seinem Revers zeichnen ihn aus als Kämpfer für sein Heimatland, das ihm nunmehr verbietet, seinen Beruf auszuüben. Sie beeindrucken den diensthabenden Offizier, der von der Leibesvisitation absieht und statt dessen mit ihm ein Glas Rotwein im Bahnhofsrestaurant trinkt.

Tags darauf erreicht er die Schweiz. Später wird er schreiben: „Ich saß in einem Zug und er ging nicht nach Dachau.“

Er ist nicht der einzige, der in der Schweiz Rettung sucht. 3000 bis 4000 andere tun dies auch. Für Tausende, vielleicht Zehntausende ist die Schweiz Transitland. Er hätte zurück geschickt werden können, denn er hat kein Visum. Die Einreiseüberprüfung erfolgt jedoch nur flüchtig. Die Grenzwächter wissen, was in Österreich passiert. Aus den Augen der Reisenden spricht die Angst, zurückgeschickt zu werden; sie sind überrascht, wieder einmal anständig angesprochen zu werden, notiert ein Grenzbeamter.

In Zürich kann er wieder seinem Beruf als Schriftsteller nachgehen. Doch auch Zürich wird in seinem Leben eine Zwischenstation sein. Als ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wird, verlässt er Europa.

Im Mai 1939 emigriert Carl Zuckmayer, der deutsche Dramatiker, dessen Mutter aus einer jüdischen Familie stammt, in die USA – 6 Jahre nach seiner Flucht aus Deutschland, 14 Monate nach seiner Flucht aus Österreich. 1946 kehrt er als amerikanischer Staatsbürger in die Schweiz zurück.

Quellen und links

Er will dem „Hexensabbat des Pöbels“ entkommen – und flieht in die Schweiz, NZZ, 12.3.2018

über Carl Zuckmayer: wikipedia

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Gemütlich zu lesen ist besser, als auf der Flucht sein zu müssen.
1-sicht meint: Lesen nährt den Verstand
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1-sicht empfiehlt Lese-, Hör-, Sehstoff: Februar 2016

Lesestoff:
Tagebuch der Anne Frank

erstmal veröffentlicht: 25. Juni 1947 unter dem niederländischen Originaltitel: Het Achterhuis – „Das Hinterhaus“; Die deutsche Erstausgabe erschien 1950 bei Lambert Schneider, Heidelberg

Abbildung der deutschen Erstausgabe der Leseempfehlung 'Das Tagebuch der Anne Frank'
Lesestoff: Tagebuch der Anne Frank deutsche Erstausgabe 1950

Bildquelle: wikipedia

Anne Frank, damals 13 Jahre alt, begann 1942 Tagebuch zu schreiben, anfänglich in der Amsterdamer Wohnung, die meiste Zeit jedoch im Versteck im Hinterhaus von Bekannten. Das Tagebuch endet Anfang August 1944, als das Versteck der Familie Frank  verraten und die Familie verhaftet wurde. Anne, ihre Schwester Margot und ihre Mutter Edith wurden im Holocaust ermordert. Der Vater Otto überlebte.

Das Tagebuch wurde 2009 von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen und mehrfach verfilmt.

Spiegel online berichtet am 27.1.2016 von den vergeblichen Bemühungen des Vaters, Anfang der 1940er Jahre Ausreisevisa in die USA für seine Familie zu erhalten.

Tagebuch der Anne Frank – wikipedia

Anne Franks Familie: Asyl abgelehnt, Fluchtplan gescheitert – Spiegel online, 27.1.2016

Hör- und Sehstoff:
„Beirut“ von Ibrahim Maalouf

über Ibrahim Maalouf – wikipedia

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