Ideologien brauchen Ideologiekritik. Sonst unterliegen wir ihrer Verführungsmacht.

40 Minuten freie Rede, ohne power point-Charts samt halblustiger Gliederungssymbole, schlüssige Ausführungen mit humorigen Momenten, fundierte Diskussion, aufmerksames Publikum, aus dessen Mitte kluge Fragen und sachliche Beiträge kommen. So lässt es sich selbst am Abend eines Arbeitstages konzentriert und ohne müdigkeitsbedingte Ausfallserscheinungen zuhören und mitdenken, wenn über das sperrig klingende Thema ‚Interventionen: Philosophie als Ideologiekritik‘ gesprochen wird.

Zu verdanken ist der Hör- und Denkgenuss

  • einer kundigen Moderatorin – Katharina Lacina, Philosophin, Universität Wien
  • einem profunden Redner – Markus Gabriel, Erkenntnistheoretiker, Universität Bonn
  • einem gebildeten Journalisten – Michael Fleischhacker, Chefredakteur von nzz.at

allesamt, wie es sich für PhilosophInnen geziemt, auf der Suche nach Verständnis und Erkenntniszugewinn. Der Vortrag fand am 27. Jänner 2016 im Rahmen eines Clubabends von nzz.at statt und ist Teil der Gesprächsreihe ‚Figuren des Intellektuellen – Philosophieren im Lichte der Öffentlichkeit‘, die die Universität Wien gemeinsam mit nzz.at ausrichtet.

Interventionen: Philosophie als Ideologiekritik

Sperrig sollen sie sein, lernen wir an diesem Abend unter anderem, die Sätze der PhilosophInnen. So, dass man gedanklich darüber stolpert und zum Nachdenken gezwungen wird. Es müsse verhindert werden, dass falsche Klarheit aufkommt.

Zum Nachdenken wird stattlich gereicht. Markus Gabriel führt in sein Verständnis davon ein, was Philosophie ist und können muss. Er hält es mit Immanuel Kant und dessen Idee des Weltbegriffes der Philosophie, die auf die Aufdeckung der Verhältnisse abzielt. Dem Schulbegriff der Philosophie geht es um Beantwortung von Fragen wie ‚Haben wir einen freien Willen?‘, ‚Was ist der Mensch?‘. Der Weltbegriff hat den Inhalt, der Schulbegriff die Überprüfung im Programm.

Um den Dichter herum wird alles zur Dichtung

Was ist Ideologie? Der Begriff – von Karl Marx – findet seine Vorgeschichte bei Kant. Dieser spricht erstmals von Weltanschauung und meint damit, sich eine Idee vom Ganzen, eine Idee von der Welt zu machen. Daraus kam das Weltbild, das in der Weimarer Republik politisch wurde. Gabriel gibt zu Bedenken, dass, sobald man versuche, seine Weltanschauung im Kantschen Sinne zu beschreiben, man bei Ideologie lande, Nietzsche zitierend: ‚Um den Dichter herum wird alles zur Dichtung.‘ Denn jedes Bild, das man sich von der Welt macht, sage mehr über einen selbst aus, als über die Welt. Warum? Weil die Ideen niemals empirisch gedeckt sind. Idee steckt in Ideologie. Zur Ideologie wird etwas sozial Kontingentes, das dargestellt wird, als sei es natürlich. Und hier braucht es Ideologiekritik.

Zuerst einmal, was heißt Kritik? Kritik geht auf griechisch ‚krinein‘ zurück. Das heißt ‚unterscheiden‘. Wer Ideologiekritik betreibt, achtet auf die Unterschiede, was einen starken theoretischen Unterbau brauche, ansonsten drohe die Gefahr, dass Ideologiekritik zur Ideologie wird.

Heilige Orte für grundsätzliche Entscheidungen

Gabriel legt dar, dass jede gegebene Anordnung von Elementen in einem Gegenstandsbereich nur dann als notwendig gilt, wenn zuvor grundsätzliche Entscheidungen getroffen wurden. Diese Entscheidungen können ausgesprochen, sichtbar, nachvollziehbar sein. Oder nicht. Oft sind sie es nicht. Oft werden sie im Verborgenen gefällt (wie es Martin Heidegger befürwortete) und als alternativlos dargestellt. Gabriel spricht in dem Zusammenhang von der Schaffung heiliger Orte, an denen die grundsätzlichen Entscheidungen getroffen werden. Ideologiekritik macht diese Entscheidungen sichtbar. Was zur Ahndung des Kritikers durch das ideologische System führt.

Die derzeitige Öffentlichkeit tendiere zur Fragmentierung. Darin liege die Gefahr, dass verborgene Entscheidungen sich mehren. Investigativer Journalismus könne die Rolle des Ideologiekritikers übernehmen, der die Karten auf den Tisch legt. Öffentlichkeit ermögliche die Teilhabe vieler und die Änderung der Spielregeln. Finde all dies nicht statt, so nähmen die an den geheimen Orten getroffenen Entscheidungen die Form einer Gewalt an, deren Quelle man nicht kennt.

Und noch etwas: Ideologie verführt. Denn sie entlastet. Die Entscheidungen sind ja schon gefällt.

Links

nzz.at

Universität Wien

Universität Bonn

Immanuel Kant – Wikipedia

Karl Marx – Wikipedia

Friedrich Nietzsche – Wikipedia

Martin Heidegger – Wikipedia

Über Journalismus auf 1-sicht

Medien: Spiegel der Gesellschaft mit Fähigkeit zur Selbstkritik

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„Sparschweinereien“ oder lieber Gemeinwohlbank?

Es hätte hier ein Nachdenken stattfinden sollen über die im alten Rom gebräuchliche Redewendung ‚pecunia non olet‘ (Geld stinkt nicht) und ihre etwaige Anwendbarkeit auf heutige Verhältnisse in der Finanzwirtschaft und ob Geld nicht eventuell doch mit üblem Geruch behaftet ist, wenn es auf Basis übler oder übel ausgeführter Geschäfte erwirtschaftet wird. Doch dann mischte sich Erich Fried ziemlich prägnant aus dem Gedichtband ‚Es ist was es ist‘ ein. Wir lassen ihn, dem auch die Überschrift teilweise zu verdanken ist, zu Wort kommen und halten das eigene zurück:

Vom Sparen

Eine uralte Art des Sparens
ist das Sparschwein

Von den Sparschweinen
kommt vielleicht das Wort Sparschweinereien

Denn oft muß gespart werden
für eine Schweinerei

Auf die werden dann
die Ersparnisse verwendet

Je tödlicher die Schweinerei
desto lebhafter muß gespart sein

Je mörderischer
desto mörderischer das Sparen

Für jede Rakete zum Beispiel
muß sehr viel gespart sein

Da muß man jetzt sparen
damit einem dann nichts erspart bleibt

Wenn die Rechnung oben nicht stimmt
heißt es unten Sparen

Denn die Sparschweinereien
werden fast immer verfügt

von fetten Schweinen
auf Kosten der armen Schweine

(Erich Fried, Vom Sparen; Schreibweise und Interpunktion gemäß Gedichtband 'Es ist was es ist', Neuausgabe 1996)

Gemeinwohlbank

Was macht nun jener Mensch, der sein redlich verdientes Geld weder einem Sparschwein anvertrauen noch in eine Rakete oder andere „Sparschweinereien“ investieren möchte?

Sich an einer Gemeinwohlbank beteiligen, könnte eine Alternative sein. In Österreich ist eine solche im Werden, eine Bank, hinter der BürgerInnen stehen und die gesellschaftliche Verantwortung in den Mittelpunkt des Handelns stellt. Die nach Eigendefinition „erste ethische Alternativbank Österreichs – Eine Bank, die den Menschen dient und nicht umgekehrt“ ist in der Gründungsphase, derzeit als Projekt Bank für Gemeinwohl. Eine seit 2014 bestehende freie Genossenschaft, die BfG Eigentümer/-innen- und Verwaltungsgenossenschaft eG, soll Eigentümerin dieser Bank sein. An der Genossenschaft kann man sich mit Anteilen ab 200,– Euro beteiligen. 2016 soll mit dem Banklizenzierungsprozess bei der Finanzmarktaufsicht gestartet werden, in etwa einem Jahr wird die Bank ihre Geschäftstätigkeit aufnehmen, so der Plan laut website www.mitgruenden.at, die mit ausführlichen Informationen über das Projekt aufwartet und Beteiligungsmöglichkeiten – von Mitarbeit bis Mitgründen – aufzeigt.

Links

Projekt Bank für Gemeinwohl

Erich Fried – wikipedia

Pecunia non olet

Und was hat es nun mit der römischen Redewendung auf sich? Laut wikipedia geht die Geschichte so:

Um die leeren Staatskassen zu füllen, erhob Kaiser Vespasian auf diese öffentlichen Toiletten eine spezielle Latrinensteuer. Sueton überliefert, dass Vespasian die Steuer vor seinem Sohn Titus rechtfertigte, indem er ihm Geld aus den ersten Einnahmen unter die Nase gehalten und gefragt habe, ob der Geruch ihn störe (sciscitans num odore offenderetur). Als dieser verneinte, habe Vespasian gesagt: Atqui e lotio est („Und doch ist es vom Urin“). Im Laufe der Zeit wurde daraus die Redewendung Pecunia non olet, „Geld stinkt nicht“.

wikipedia

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Medien: Spiegel der Gesellschaft mit Fähigkeit zu Selbstzweifeln

Zwei Texte über Medien beschäftigen 1-sicht im noch jungen Jahr 2016. Der eine stammt aus der Feder von Joseph Roth und ist in ‚Reisen in die Ukraine und nach Russland‘  erschienen. Der andere ist aus der Feder (oder Tastatur, dazu kann 1-sicht keine Hinweise geben) von Armin Thurnher und ist im Falter 52/15 erschienen.

Befasst Roth sich in seinem Text ‚Öffentliche Meinungen, Zeitungen, Zensur‘, den er 1926 für die Serie ‚Reise in Rußland‘ für die Frankfurter Zeitung verfasste, mit der Entwicklung des in der Form neuen Medienwesens nach der Revolution, so diskutiert Thurnher Ende 2015 im Artikel ‚Die Wahrheit über die Lügenpresse‘ die Entwicklung der hiesigen Medienlandschaft angesichts zunehmender Ökonomisierung allen gesellschaftlichen Lebens und des Einflusses digitaler Medienformen und vollkommen neuer Mediennutzung.

Die beiden journalistischen Kritiker eint, so scheint es, der scharfe Blick auf gesellschaftliche Zustände und ein waches Sensorium für Tendenzen, die einem reifen Medienwesen zuwider laufen.

Aufmerksamkeit als Ware und sterile Presse

Thurnher schreibt:

Man kann Journalismus in aufklärerischer Tradition als Profession auffassen, die durch öffentliche Berichte der Verbesserung des Gemeinwesens dient. Oder man kann ihn als Gewerbe auffassen, das sein Geschäft um jeden Preis macht.

Mehrere Tendenzen gefährden laut Thurnher das ideale, wenn auch fiktive Ziel von Journalismus. Zu diesen Tendenzen zähle das durch die Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse veränderte Verhältnis des Journalismus zum Publikum. Nicht dieses sei Adressat sondern die Auftraggeber der Werbung.  Die Aufmerksamkeit, so Thurnher, ist nicht Ziel sondern Handelsware geworden.

Und Roth konstatiert für das postrevolutionäre Rußland einen Mangel an Unabhängigkeit der Medien – allerdings nicht von Auftraggebern aus der Wirtschaft sondern von der Regierung:

Die Rücksicht auf den Leser macht die Journalistik fruchtbar. Die Rücksicht auf die Zensur macht die Presse steril. Die voraussetzungslose, das heißt nicht gesinnungslose, Betrachtung der Welt macht einen Artikel lebendig und anschaulich. Die ideologisch gebunde Betrachtung der Welt verursacht provinzielle, kleinliche und außerdem falsche Berichte.

Vom Wert ‚journalistischer Kleinarbeit‘, von Selbstzweifeln und Spiegeln

Beide halten offensichtlich das Handwerk des Journalismus für unverzichtbar.

So kritisiert Roth den Hang der (gelenkten) russischen Medien zu ‚authentischen‘ Berichten ‚aus erster Hand‘ von Arbeiterkorrespondeten, Dorfkorrespondenten, Schülerkorrespondenten etc. . Es erregt sein Mißfallen, dass der Leser die Zeitung selbst macht, dass jeder sein eigener Journalist ist:

Nicht journalistische Fachleute machen die Zeitungen, sondern gute zuverlässige Handhaber und Handlanger der Ideologie. Das was man ‚journalistische Kleinarbeit‘ nennt, was das eigentliche Gerüst der Zeitung ist, der Bericht des Tages und sein Spiegelbild, die nackte dramatische Fabel des Lebens, das ist in den russischen Blättern primitiv, dilettantisch, unbeholfen.

Knapp 90 Jahre später schreibt Thurnher an gegen den Fragmentierungs- und Individualisierungsdruck des digitalen Raums. Dort gehe es weniger um Wahrhaftigkeit als um Selbstdarstellung.  Thurnher spricht der ‚Qual der genauen Beschreibung‘, der  ‚Mühe der Kritik‘ und ‚der kritischen Reflexion des eigenen Standpunktes‘ das Wort.

Journalismus kann und darf nicht an sich selbst glauben. Er muss an sich selbst zweifeln. Unausgesetzt. Mindestens so stark wie an jenen Missständen, die er untersucht, oder jenen Dienstleistungen, die er prüft, ehe er sie seinem Publikum empfiehlt. Wenn er sich selber ernst nimmt, weiß er: Er ist potenziell ein Missstand.

Glaubwürdiger Journalismus ist redaktioneller Journalismus (egal welchen medialen Aggregatszustands), der institutionell imstande ist, sich selbst in Zweifel zu ziehen, der in sich selbst eine kleine Öffentlichkeit darstellt. Nur redaktioneller Journalismus kann erzeugen, was Demokratie braucht, nämlich ein informiertes Publikum, das über alle in gleicher Weise bekannten qualifizierten Informationen verfügt; nur er kann diese Informationen qualifizieren.

Und nochmals Roth:

Weiß diese junge Presse, weiß diese junge Regierung noch nicht, dass man zur Spiegelung des Lebens der Spiegel bedarf? Daß man aber keineswegs einen beliebigen Gegenstand, eine Teekanne oder eine Hacke oder ein Fleischmesser als Spiegel verwenden kann?

Quellen und links

Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland, herausgegeben von Jan Bürger, C.H. BECK textura; Beck

Armin Thurnher, Falter 52/15: Die Wahrheit über die Lügenpresse – Warum der Journalismus Grund hat, verunsichert zu sein. Und warum er Selbstzweifel braucht. Ein Jahresrückblick. Falter

Über Joseph Roth in Wikipedia-Joseph Roth

Über Armin Thurnher in Wikipedia-Armin Thurnher

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Laura hat Hunger

Mit der linken Hand wischt Laura die Scheibe frei. Das Winken ihrer Mutter sieht sie schon lange nicht mehr. An ihr ziehen fremde Landschaften vorbei. Sie hat Hunger. Wie fast immer. Im Zug ist es laut. Manche Kinder weinen. Sie weint nicht, sie ist ja schon 14. Ihre große Schwester weint auch nicht.  Irgendwann schläft Laura ein. In der Nacht wird sie geweckt. Sie müssen auf ein Schiff.  „Gleich sind wir in Schweden“, flüstert ihre Schwester. Dort hat angeblich niemand Hunger. Deshalb dürfen Kinder aus Wien dorthin. An den Namensschildern aus Pappe, die sie um den Hals tragen, werden Laura und ihre Schwester von jenem schwedischen Ehepaar erkannt, bei dem sie nun wohnen werden.

Wir schreiben das Jahr 1920. In Wien herrschen Hungersnöte. Laura und ihre um 1 Jahr ältere Schwester können einige Monate in Schweden leben, in die Schule gehen und sich satt essen.

24 Jahre später. Wieder sitzt Laura in einem überfüllten Zug. Mit ihr sind ihre 5 Kinder – 2 Söhne, 3 Töchter, die kleinste ist 6 Monate alt. Von ihrem Mann gibt es seit Monaten keine Nachricht. Sie hat Hunger. Wie fast immer. Im Zug sind viele Frauen und noch viel mehr Kinder. Sie werden von Wien weggebracht, um den Bomben zu entkommen. Ihr aller Ziel: Bayern. Wenn der Zug in den Stationen hält, geht sie mit den anderen Frauen zur Lokomotive. Dort gibt es heißes Wasser für das Baby. In Bayern kommen sie in ein Lager. In dem riesigen Raum mit den vielen Menschen fürchten sich die Mädchen sehr. Die 3-Jährige fürchtet sich außerdem vor der großen Grube, in der alle ihre Notdurft verrichten.

Angst, Hunger, 5 kleine Kinder, Hoffnung, Überlebenswillen, Fleiß und geschickte Hände hat Laura im Reisegepäck. Sonst nichts. Nach Tagen, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, werden sie und die Kinder weggebracht. Sie kommt mit der 3-Jährigen und dem Baby auf einen Bauernhof, auf dem ihr Fleiß in den nächsten Monaten sehr gefragt ist. Die Söhne und die 5-Jährige leben jeweils bei anderen Familien. Sie sieht sie wochenlang nicht.

Fast ein Jahr später, als der Krieg zu Ende ist, kann Laura mit allen Kindern zurück nach Wien. Ihr Haus ist nicht von Bomben zerstört. Die Bombentrichter ganz in der Nähe des Hauses werden den Kindern zu makabren Spielplätzen.

Laura wieder zu Hause

Ihrem 6. Kind schenkt Laura in Friedenszeit das Licht der Welt. Noch viele Jahre lang darf sich die Familie über fallweise Geschenkpakete aus Schweden freuen.

Aus dem Baby, das bereits im Alter von ½ Jahr auf der Flucht vor Bomben war, wird 21 Jahre danach meine Mutter.

Nachwort

Das ist eine persönliche Geschichte, die auf den Erlebnissen meiner Großmutter mütterlicherseits, Laura M. (1906 – 1975), beruht. Ihre Töchter teilten die Erinnerung an ihre Erzählungen mit mir. Meine Phantasie ergänzte, wo Details fehlten.

Laura verbrachte nach dem 1. Weltkrieg als Volksschülerin 2 Mal (einmal mit der großen Schwester, einmal alleine) mehrere Monate bei einer hilfsbereiten Gastfamilie in Südschweden, um dem Elend und den Hungersnöten in Wien zu entkommen. Gegen Ende des 2. Weltkrieges musste sie mit damals 5 Kindern Wien verlassen, weil die Zahl der Bomben auf ein strategisch wichtiges Produktionswerk in ihrem Heimatbezirk zunahm und die Gefahr für die Bevölkerung groß war.

Lauras Schulzeugnis aus Sunne, 1920
Lauras Schulzeugnis aus Sunne/Schweden

 

 

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Achtet auf die Worte! – Vom Flüchtlingsstrom und anderen Metaphern mit fragwürdigem Unterton

„Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

Das Zitat ist je nach Quelle dem Talmud zugeordnet oder wird als chinesisches Sprichwort bezeichnet. Sei’s drum. Der Inhalt ist wert, bedacht zu werden. Auch Christen weisen in der Schuldformel „Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken.“ auf den engen Zusammenhang zwischen Begriffen und Handlungen hin.

Gut formulieren ist keine rein ästhetische Übung. Die Intentionen bestimmen die Wortwahl. Denn die Worte wirken auf Stimmungen, Haltungen, letztlich Taten. Die Welt hatte bereits ausreichend Gelegenheit, dies zu erkennen. Im Guten wie im Schlechten.  Menschen lassen sich von wohlgesetzten Worten ansprechen, gewinnen  und beeinflussen.

Wie Menschen zu Fluten gemacht werden

Aktuell können wir im Zusammenhang mit den Menschen, die auf der Flucht nach Europa sind, eine Verhärtung der ‚öffentlichen‘ Sprache beobachten. Dem ging die Linguistin Constanze Spieß nach. Sie  hinterfragt Sprachbilder in der aktuellen europäischen Flüchtlingsthematik. Davon war am 1. Nov. 2015 in der Zeitung Standard ausführlich und ist hier weiter unten auszugsweise zu lesen.

Im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung beschreibt der griechische Historiker Thukydides in seinem Werk „Der Peloponnesische Krieg“, was in Kriegszeiten mit der Sprache gemacht wird.

Beginnen wir mit dem antiken Text, Kapitel „Die Pathologie des Krieges“:

Auch änderten sie die gewohnten Bezeichnungen für die Dinge nach ihrem Belieben. Unüberlegte Tollkühnheit galt für aufopfernde Tapferkeit, verausdenkendes Zaudern für aufgeputzte Feigheit, Besonnenheit für den Deckmantel der Ängstlichkeit, alles bedenkende Klugheit für alles lähmende Trägheit; wildes Draufgängertum hielt man für Mannesart, vorsichtig wägendes Weiterberaten wurde als schönklingender Vorwand der Ablehnung angesehen. Wer schalt und zürnte, war immer zuverlässig, wer widersprach, eben dadurch verdächtig.

(Quelle: Michael Köhlmeiers neue Sagen des klassischen Altertums – von Eos bis Aeneas, Piper Verlag)

Was sagt die moderne Linguistik? Lassen wir nun Constanze Spieß im Standard-Artikel „Die Metaphern über Flüchtlinge“ zu Wort kommen:

Da ist immer wieder von „Flüchtlingsströmen“ die Rede, von „Flüchtlingswellen“ oder einer „Flüchtlingsflut“, von ungeheuren Menschenmassen, die in Mitteleuropa „gestrandet“ sind.

„Mit dieser Naturkatastrophenmetaphorik im gegenwärtigen Flüchtlingsdiskurs wird mehr oder weniger unbewusst auf etwas Großes, Bedrohliches und nicht wirklich Steuerbares verwiesen, das sich mit dem Flüchtlingsbegriff verbindet.“ Die Imagination von Naturkatastrophen erzeugt Angst und ein Gefühl von Kontrollverlust – und genau dieser „Frame“ werde mit der Verwendung solcher Metaphern aufgerufen. Selbst wenn die Begriffe in eine neutrale oder sogar „flüchtlingsfreundliche“ Berichterstattung eingebunden sind.

Mittlerweile werden diese Begriffe derart häufig verwendet, dass sie selbst von vergleichsweise sprachsensiblen Menschen nicht mehr als Metaphern mit fragwürdigem Unterton wahrgenommen werden.

(Quelle: Standard.at, Doris Griesser)

Achten wir auf die Worte. Jene, die wir denken und aussprechen, denn sie machen uns aus. Und jene, die wir hören und lesen, denn sie könnten in einer Weise auf uns einwirken, die uns weder bewusst noch willlkommen ist.

WORTE: Weitere links

über  Thukydides: in Wikipedia

Interview mit Fritz Hausjell, Medienhistoriker an der Universität Wien, Standard.at, 8. Nov. 2015: Propaganda wie bei NS Aufstieg

Fotos des in Stein verewigten Thukydides vor dem österreichischen Parlament in Wien

der griechische Kriegsberichterstatter Thukydides vor dem österreichischen Parlament in Wien (Mitte)
der griechische Historiker Thukydides vor dem österreichischen Parlament in Wien (Mitte)
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Thukydides

 

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Friedensnobelpreis für EU 2012 – soll das ein Irrtum gewesen sein?

3 Jahre ist es her, als die EU den Friedensnobelpreis erhielt. Als wir den Friedensnobelpreis erhielten. Für ihren, für unseren Beitrag zu Frieden, Demokratie und Menschenrechten in Europa. Zum ungefähren Jahrestag – die Begründung ist mit 12. Oktober 2012 datiert – und zur Erinnerung, was die EU ausmacht, kommt hier das Nobelpreiskomitee im O-Ton zu Wort:

The Norwegian Nobel Committee has decided that the Nobel Peace Prize for 2012 is to be awarded to the European Union (EU). The union and its forerunners have for over six decades contributed to the advancement of peace and reconciliation, democracy and human rights in Europe.

In the inter-war years, the Norwegian Nobel Committee made several awards to persons who were seeking reconciliation between Germany and France. Since 1945, that reconciliation has become a reality. The dreadful suffering in World War II demonstrated the need for a new Europe. Over a seventy-year period, Germany and France had fought three wars. Today war between Germany and France is unthinkable. This shows how, through well-aimed efforts and by building up mutual confidence, historical enemies can become close partners.

In the 1980s, Greece, Spain and Portugal joined the EU. The introduction of democracy was a condition for their membership. The fall of the Berlin Wall made EU membership possible for several Central and Eastern European countries, thereby opening a new era in European history. The division between East and West has to a large extent been brought to an end; democracy has been strengthened; many ethnically-based national conflicts have been settled.

The admission of Croatia as a member next year, the opening of membership negotiations with Montenegro, and the granting of candidate status to Serbia all strengthen the process of reconciliation in the Balkans. In the past decade, the possibility of EU membership for Turkey has also advanced democracy and human rights in that country.

The EU is currently undergoing grave economic difficulties and considerable social unrest. The Norwegian Nobel Committee wishes to focus on what it sees as the EU’s most important result: the successful struggle for peace and reconciliation and for democracy and human rights. The stabilizing part played by the EU has helped to transform most of Europe from a continent of war to a continent of peace.

The work of the EU represents „fraternity between nations“, and amounts to a form of the „peace congresses“ to which Alfred Nobel refers as criteria for the Peace Prize in his 1895 will.

Oslo, 12 October 2012

Announcement nobelpeaceprize

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Erste 1-sicht: Der Hausverstand reicht nicht.

Die politische Kultur ist eine Unkultur geworden, wird vielfach moniert. Der Hausverstand wird in die Politik gerufen – von politisch Tätigen ebenso wie von unzufriedenen Bürger/innen. Wollen wir ihn wirklich in der Politik? Den Hausverstand. Den sogenannten gesunden Menschenverstand? Braucht es nicht mehr Verstand, um Staaten, Volkswirtschaften in die Zukunft zu führen? Ich denke ja. Platon hielt die Philosophen für die geeignetsten Staatenlenker, da sie der Wahrheit verpflichtet seien und nicht der Macht.

Mehr als Hausverstand

Im Blog 1-sicht sollen Philosoph/innen ebenso zu Wort kommen, wie andere Menschen, die daran arbeiten, den Zusammenhängen auf den Grund zu kommen. Mit diesem Blog biete ich eine lose Zusammenstellung von Texten, Analysen und Ausführungen, die ich persönlich für relevant und interessant halte.

1-sicht findet: Lesen bildet.
1-sicht meint: Lesen nährt den Verstand
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